Theorie 2go: Kommunikation /#3

von | 20/11/2012 | 0 Kommentare

Ein Interview mit mir selbst zu meinem Verständnis von Kommunikation und was das für die Praxis heißt

Ich werde immer wieder gefragt, was ich eigentlich unter “Kommunikation” verstehe. Diese Frage ist mehr als berechtigt, denn es existieren ausgesprochen viele Definitionen und Auffassungen darüber, was Kommunikation ist. Nun wäre es vermessen, die Grundfragen zur Bestimmung des allgegenwärtigen Phänomens zwischenmenschlicher Kommunikation kurz und bündig darstellen zu wollen: Das kann nur unzureichend gelingen. Die im Folgenden bewusst plakativ und eher salopp ausgeführten Überlegungen sind als theoriegeleiteter und doch praxisbezogener Ordnungsvorschlag anzusehen. Vertiefende Überlegungen habe ich an anderer Stelle vorgelegt (nähere Hinweise auf meine Buchpublikation auf der Homepage des conex-Instituts unter Aktuelles: http://www.conex-institut.de/de/aktuell/; dort Link auf Bestellmöglichkeit).

Kommunikation sei ein zeichengebundenes soziales Handeln mit dem Zweck der gegenseitigen Handlungssteuerung.

In diesem Begriffsverständnis, das sich wesentlich auf den Psychologen Karl Bühler beruft (der sich wiederum auf Platon und eine ganze philosophische Tradition beruft) und in der Nachfolge der Bonner Schule steht (mit ihrem Begründer Gerold Ungeheuer und seinen Schülern Johann G. Juchem und H. Walter Schmitz), ist Kommunikation also nicht informationstheoretisch, sondern primär kybernetisch bestimmt (gegenseitige Steuerung von Handeln).

Mit dem Selbstinterview greife ich Fragen auf, die mir immer wieder von Seminar- oder Workshopteilnehmern, von Projektpartnern oder in anderen Kontexten gestellt werden. Zunächst aber in aller Kürze mein Verständnis von Kommunikation >

Das ist ein fundamentaler und in seinen Auswirkungen auf alle weiteren Erörterungen folgenreicher Schritt. Denn nicht zuletzt daraus leitet sich eine entschiedene Opposition zu informations- bzw. nachrichtentechnisch motivierten Kommunikationsmodellen ab. Unter denen ist das Sender-Empfänger-Modell zu nennen, das vom US-amerika­ni­schen Mathematiker Claude Shannon im Jahr 1949 vorgelegt wurde. Dessen Nichteignung zur Beschreibung zwischenmenschlicher Kommunikation wurde übrigens bereits von Shannon selbst betont , was jedoch kaum jemand zur Kenntnis nimmt. Ich wage die Unterstellung: Vermutlich wird das auch deswegen vernachlässigt, weil nur die wenigsten den Originaltext gelesen haben.

Vorhang auf: Das Interview

Frage 1: Warum ist es eigentlich derart schwierig, Kommunikation auf allgemein akzeptierte Art zu definieren?

Guido Wolf: Ich erkläre das mit den mannigfaltigen Sichtweisen auf zwischenmenschliche Kommunikation. Jede geistes- bzw. sozialwissenschaftliche Disziplin setzt sich mehr oder weniger explizit mit Kommunikation auseinander. Zunehmend blicken auch naturwissenschaftliche Disziplinen auf die zwischenmenschliche Kommunikation. Schon aufgrund der unterschiedlichen Disziplinen entstehen unterschiedliche Sichtweisen. Den Rest verursachen wissenschaftspolitisch motivierte Feldzüge. Motto: Wer die Definition hat, kann Deutungshoheit beanspruchen.

Frage 2: Kann denn Kommunikation, kann Kommunizieren überhaupt endgültig definiert werden?

GW: Das nicht hintergehbare Dilemma besteht darin, dass Kommunizieren nur kommunizierend geklärt werden kann. Bereits hieraus begründet sich der “notwendig konfliktäre Charakter der Kommunikation”, um es mit Johann G. Juchem auszudrücken. Denn wenn Kommunizieren bedeutet, äußere und innere Handlungen zu koordinieren – innere Handlungen sind solche wie Denken, Interpretieren, Deuten, Bewerten, Schluss­folgern, Ergänzen und so weiter –, dann führt jede neue kommunikative Äußerung zu erneuten inneren Hand­lungen, die wiederum bedacht, interpretiert, gedeutet, bewertet etc. werden. Ein Prozess ad infinitum entsteht. Genau den haben wir IMMER in unserer Kommunika­tion. Das ist bei der Begriffsbestimmung, die ich zugrunde lege, nicht anders.

Frage 3: Wie kann es dann sein, dass wir in aller Regel bestens klar kommen, gerade in unserer alltäglichen Kommunikation?

GW: Im Alltag und auch sonst brechen wir den angesprochenen, eigentlich nie zu beendenden Verständigungsprozess in der Regel dann ab, wenn wir einen ausreichenden (Alltags-) Konsens erreichen. Beim Bäcker zeige ich auf die Brötchen, sage: “5 Stück, bitte” – und mehr braucht es nicht. Der Brötchenverkäufer und ich mussten keinen weiterführenden Klärungsprozess in Gang setzen, um unser jeweiliges Verständnis von “Brötchen” abzugleichen. Kommunikation erscheint im täglichen Verkehr als vollkommen unproblematisch.

Frage 4: Warum also problematisieren, wenn es gar keine Probleme gibt?

GW: Weil wir nicht immer nur Brötchen kaufen. Zum einen unterschätzen wir die verständnissichernde Bedeutung, die der jeweilige Kontext und die beidseitige Vertrautheit mit der Situation haben. Brötchenverkäufer und -käufer wissen genug über die Situation, damit der Vorgang ohne viele Worte funktioniert. Vermutlich würde es sogar genügen, wortlos 5 Finger zu heben und auf die Brötchenauslage zu zeigen. Stellen wir uns aber vor, ich äußerte als Fußballtorwart gegenüber dem gegnerischen Stürmer denselben Text (“5 Stück, bitte”): Er würde mir sicherlich nicht auf Anhieb 5 Brötchen aushändigen, selbst dann nicht, wenn er dem Beruf des Brötchenverkäufers nachginge. Grundsätzlich gilt also: anderer Kontext – andere Bedeutung.
Zum anderen kommunizieren wir in unserer Arbeit sehr oft über nicht dingliche, also abstrakte Sachverhalte. Wer jemals eine Auseinandersetzung über immaterielle Sachverhalte geführt hat, weiß, wovon ich spreche: Diskussionen über “Qualität”, “Erfolg”, “Leistung” und so weiter ufern meistens aus. Auch der Brötchenverkäufer, um ein weiteres Mal zu bemühen, käme nicht mehr mit wenigen Worten aus, wenn ich mit ihm über “gut schmeckende Brötchen” diskutieren wollte (“die waren schon mal leckerer”): Meinen Geschmack kann er nicht sehen, anfassen oder auf andere Art unmittelbar erfahren. Gerade bei abstrakten Kategorien, die zudem oftmals ausgesprochen wertbeladen sind, setzen unsere kommunikationsbedingten Verständniskonflikte an.

Frage 5: Was kann man in der täglichen Praxis tun, um Kommunikation erfolgreich zu gestalten?

GW: Zur Verbesserung der Lage können wir in erster Näherung dreierlei tun:

  1. Wir sollten jederzeit prüfen, ob wir in unserer Kommunikation auf denselben Kontext referenzieren. Sprechen zwei Führungskräfte über “Probleme in der Qualität”, so kann es sein, dass die eine die Qualität der Produkte meint, während die andere über personelle Unterbesetzungen der Qualitätsabteilung spricht. Deshalb ist es sehr hilfreich, einen gemeinsamen Kontext mit gemeinsamen Bezugspunkten zu schaffen. Beispielsweise kann es sich dabei um Erfahrungen der Vergangenheit handeln, die als Vergleich herangezogen werden: “Wissen Sie noch, wie wir in jenem Projekt vor einem Jahr… So ähnlich ist es auch diesmal…”; oder: “Im Vergleich zu unserer Produktentwicklung x halte ich im aktuellen Fall ein genau entgegengesetzt orientiertes Vorgehen für notwendig…”.
  2. Wir sollten immer wieder auf Darstellungsformen zurückgreifen, die unsere gesprochene Sprache ergänzen. Ich meine insbesondere Visualisierungen, etwa in Form einfacher (Flip-Chart-) Skizzen von Zuordnungen (was gehört zu was), von Kausalitäten (was bewirkt was) und anderen Zusammenhängen.
  3. Wir sollten gemeinsam festlegen, anhand welcher beobachtbarer Handlungen wir den Erfolg der Kommunikation bewerten wollen. Immer dann, wenn wir etwas von Relevanz entscheiden oder vereinbaren, sollten wir die Frage beantworten, woran man im Anschluss feststellen kann, dass die Entscheidung bzw. Vereinbarung umgesetzt wurde.

Trotz aller Vorkehrungen bleibt jedoch festzuhalten, dass der Kommunikationserfolg unter uns Menschen nie als gesichert vorausgesetzt werden kann. Dabei ist für Nichterfolg keineswegs immer die schlechte Absicht des Anderen oder ein persönlicher Konflikt ursächlich: Es sind, wie oben angedeutet, die Grundbedingungen unserer Kommunikation. Wer dies im Blick behält, kommuniziert achtsamer, wertschätzender – und am Ende meistens doch erfolgreich.

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Dr. Guido Wolf,
Kommunikationsforscher

Unternehmensberater – Trainer – Moderator – Coach

Institutsleitung conex.

Institut für Consulting, Training, Management Support

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