Sich selbst ein Bild machen_#56

von | 11/03/2017 | 2 Kommentare

Kunst als Impuls. Und ein bisschen Reklame für andere

Gar nicht lange her: Meine liebe Kollegin Stefanie Voss (hier geht es zu ihrer Homepage) machte mich auf ein Angebot mit dem vielversprechenden Namen „Art4reflection“ aufmerksam. Ausgerichtet von der Symbolon AG aus Liechtenstein (hier geht es zur Symbolon AG), verbindet das Format Kunst und Coaching (wie der Markenname bereits andeutet). Die Betrachtung ausgewählter Kunstwerke schafft Impulse für die Auseinandersetzung mit eigenen Denk- und Handlungsmustern, so lässt sich die Idee vielleicht zusammenfassen. Das klang hinreichend spannend, sodass ich mich anmeldete. Sogar meine Frau vermochte ich zur Teilnahme zu überreden.

Rückblickend lässt sich sagen, dass die Teilnahme sehr lohnend war (wie auch meine Frau fand). Mir gelang es, einige Fragen, mit denen ich mich derzeit befasse, in neuem Licht zu sehen, sodass die Coachingperspektive bestens bedient wurde. Daneben bietet „Symbolon Art4Reflection“ erhebliches Potential für Kreativität.

„Mir egal“: Neu konstruieren statt nachvollziehen

Wir waren eine Gruppe von rund 12 Leuten und trafen uns in einem Kölner Museum. Christine Kranz, die uns als Coach anleiten sollte, hat das Format bereits vor einigen Jahren entwickelt und vielfach angewandt. Im Vorfeld hatte sie einige Kunstwerke ausgewählt. Nach kurzem Kennenlernen machten wir uns auf den Weg.

Gleich das erste Bild überraschte: Ein Ölschinken aus dem 18. Jahrhundert! Das opus hat den Titel „Ländlicher Spaziergang“ und wurde um 1741/45 vom venezianischen Künstler Giovanni Battista Piazzetta gemalt (hier geht es zum Wikipediaartikel über den Künstler). Doch das weiß ich erst jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe. Im fraglichen Moment der Begegnung kannte ich weder den Titel des Bildes noch den Maler.

Ganz ehrlich: Nie im Leben wäre ich vor diesem Bild auch nur 5 Sekunden stehen geblieben. Christine Kranz aber hatte es nun mal ausgewählt. Sie bat uns, das Bild als Szene zu betrachten. In keiner Weise sei es jetzt wichtig, was der Künstler gemeint hat, was er ausdrücken wollte etc. Vielmehr gehe es darum, das Bild für sich zu deuten. Von ihrer Anleitung kam bei mir sinngemäß an:

  • „Schaut Euch das Bild in Ruhe an. Kümmert Euch nicht um das, was der Künstler vielleicht sagen wollte. Das ist jetzt völlig egal.
  • Wohin blickt Ihr zuerst? Von welcher Figur oder welchem Detail wird Eure Aufmerksamkeit besonders angezogen?
  • Um was geht es in der Szene? Was ist vorher passiert? Was passiert als nächstes und wie könnte die Geschichte weiter gehen?
  • Schau, was das mit Dir und den Dich aktuell beschäftigenden Fragen zu tun hat. Welche Figur könntest Du selber sein? Wie ginge es Dir als diese Figur, welche Gedanken und Gefühle hättest Du?“

Zunächst fiel es mir nicht leicht, mich von meinen üblichen Betrachtungsroutinen zu lösen, die ich bei Kunstwerken offenbar ansetze (was ganz nebenbei eine interessante Erkenntnis war). Die kreisen um die Frage, was der Künstler hat sagen wollen: also um ein Nachbilden. Sicherlich bin ich nicht der Einzige, der üblicherweise in seiner Kunstwahrnehmung der Idee folgt, die Produktionsabsichten des Künstlers nachzuvollziehen.

Als es aber zunehmend gelang, das Bild von derlei Deutungsversuchen gelöst und damit tatsächlich als eine Art szenischer Momentaufnahme zu betrachten, wurde mir klar, dass ich dabei war, es neu zu konstruieren und für mich neu zu bestimmen. Ich möchte hier nur andeuten, dass diese Herangehensweise eine zentrale Idee der sogenannten „Rezeptionsästhetik“ ist, die den schöpferischen Akt nicht nur beim Künstler, sondern ein zweites Mal beim Betrachter (dem Rezipienten) ansetzt (dazu mehr bei anderer Gelegenheit). In der fraglichen Situation fiel mir allerdings nur wenig Gescheites auf die Fragen ein, die Christine Kranz aufgeworfen hatte. Das bemerkte ich spätestens, als einige Teilnehmerinnen ihre Gedanken und Assoziationen äußerten. Aber die Erfahrung, etwas aus seinem gemeinten Kontext herauszulösen und für mich neu zu konstruieren, war bemerkenswert. Fast will ich von einem Akt der Aneignung sprechen: Verändert durch meine persönliche Deutung war es „mein“ Kunstwerk geworden, wobei ich das Bild immer noch nicht schön fand.

Kreativitätsdelle? Ab ins Museum

Es ist fraglos eine interessante Möglichkeit, Coaching wie auch Selbstcoaching durch Kunstwerke anzureichern. Daneben sehe ich noch einen weiteren Anwendungsbereich: Ein Kunstwerk im beschriebenen Sinne neu konstruieren, um neue und kreative Lösungen für eine gestellte Aufgabe zu finden. Schon bei früheren Gelegenheiten habe ich darauf hingewiesen, dass ein Kontextwechsel hilfreich sein kann, wenn wirklich neue Antworten zu finden sind (siehe Blogpost „Leben retten durch Zoobesuch_15„; zu den Potentialen von Lyrik für Change-Prozesse siehe Blogpost „Wolle die Wandlung_44„). Hier besteht der Kontextwechsel eher darin, dass das Kunstwerk aus seinen ursprünglichen Ausdrucks- und Darstellungsabsichten herausgelöst wird. Es muss also keineswegs „nur“ die eigene Person sein, für die Entwicklungspotentiale erschlossen werden: Die von Christine Kranz übrigens auch als Buch veröffentlichte Methode (zum Buch geht es hier lang) stellt eine vielseitig einsetzbare Lösungsressource bereit.

 

2 Kommentare

  1. Stefanie Voss

    Lieber Guido,
    danke für die Erwähnung und schön, dass Dich der Museumsbesuch auch beeindruckt hat. Ich habe ein Ergebnis meines Art4Reflection Prozesses dieses Samstags in Köln direkt am darauffolgenden Montag umgesetzt – und bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Wirklich eine tolle Methode!
    Viele Grüße, Stefanie

    Antworten
  2. Guido Wolf

    Liebe Stefanie, sehr gern! Die Erkenntnis, die ich für mich gewinnen konnte, fand noch keine Anwendung, aber das dürfte bald kommen. Bin gespannt. Viele Grüße zurück, Guido

    Antworten

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