Agieren statt reagieren in Zeiten von Corona_#80

von | 14/04/2020 | 0 Kommentare

Teil 2: Prinzipien, Ansätze und Maßnahmen zur Mitigation – der „Corona-Leuchtturm“

Corona und kein Ende. Trotz allem dürfte sich in den meisten Unternehmen eine neue, von niemandem gewollte Krisen-Normalität eingestellt haben. Kurzarbeit, Home-Office oder weiterhin (und dann sehr oft unter sehr hohem Druck) an der Maschine, im Lager, am Steuer eines LKW oder mit Patienten die Arbeit fortsetzen: Wir kommen langsam an und richten uns ein. In dieser Krisen-Normalität, die einem Reset gleichkommt, halten wir so gut es geht die Dinge zusammen und versuchen, bestmöglich unseren Aufgaben nachzukommen. Dabei gilt es jedoch, bei aller Improvisationsnotwendigkeit keine neuen Probleme zu produzieren. Im Gegenteil, es sollte unser Anliegen sein, die Auswirkungen der Krise möglichst gering zu halten. Genau das meint „Mitigation“: Linderung, Entschärfung, Abschwächung. Wie das konkret aussehen kann, sei anhand der Leuchtturm-Metapher näher erläutert.

3 Ebenen der Mitigation: der „Corona-Leuchtturm“

Auch in Zeiten, in denen es noch kein GPS-Signal gab, bedurfte es der Orientierung, um den eigenen Kurs bestimmen und zielgerecht verfolgen zu können. Es sind Leuchttürme, die diese Funktion übernahmen und bis heute übernehmen. Denn manchmal gibt es Störungen, in deren Folge Satellitensignale nicht zur Verfügung stehen. Insofern passt das Bild des Leuchtturms, der Orientierung auch in Ausnahmesituationen bietet. Ich unterscheide 3 Ebenen, die es für die Orientierung braucht:

  • Übergeordnete Prinzipien: beantworten die grundsätzlichen Fragen nach dem „Wozu und Wohin“
  • Konkrete Ansatzpunkte für die (Selbst-) Führung und Steuerung: bieten konkrete Unterstützung bei der Beantwortung der Fragen nach dem „Was und Wie“
  • Unternehmens- bzw. situationsspezifische Bedingungen: Hier geht es um die konkreten Gegebenheiten vor Ort, die für die Bewältigung des Alltags zu berücksichtigen sind. Da sich diese als höchst individuell darstellen, werden sie in diesem Blog-Post nicht näher behandelt.
Corona-Leuchtturm

Corona-Leuchtturm

Wirksame Mitigation muss alle 3 Ebenen berücksichtigen.

Ebene 1: Prinzipien

Was immer unsere Aufgaben und Tätigkeiten sein mögen, die wir auch im Krisenmodus erledigen, wir sollten uns an 4 Prinzipien orientieren. Dabei wollen Sie mir nachsehen, wenn ich durch ungefragtes Duzen und den Gebrauch des Imperativs die Dringlichkeit betone:

  1. Existenz sichern!
    Trage jederzeit und gerade jetzt zur Existenzsicherung des eigenen Unternehmens/ der eigenen Organisation und damit mindestens indirekt auch zur Sicherung Deiner eigenen Existenz bei.
  2. Negative Auswirkungen reduzieren und keine neuen Probleme schaffen!
    Reduziere durch Dein Tun mögliche negative Auswirkungen der Situation, unabhängig davon, ob diese unmittelbar oder erst in der Zukunft wirksam werden. Darüber hinaus darf Dein Tun keine neuen oder zusätzlichen Probleme schaffen.
  3. Lernen ermöglichen und Chancen suchen!
    Beobachte Dich selbst und das, was um Dich herum passiert. Sichere Erkenntnisse und Erfahrungen. Denn daraus können wir lernen für die Zeit nach Corona. Und vielleicht entstehen selbst unter den akuten Belastungen neue Ideen für Produkte, Prozesse oder Strukturen.
  4. Freundlich zu Dir selbst und zu anderen sein!
    Gehe achtsam mit Dir selbst und anderen um. Aufgrund der angespannten, zuweilen verzweifelten Lage müssen wir sensibel und freundlich mit unseren emotionalen Bedürfnissen umgehen.

Diese eigentlich gar nicht exotischen Prinzipien leite ich aus manchen Gesprächen und Web-Meetings mit Kunden und Partnern, aber auch aus vielen Publikationen der jüngsten Zeit ab.

Ebene 2: konkrete Ansatzpunkte zur (Selbst-) Führung und Steuerung während der Corona-Zeit

Den 4 Prinzipien sind 5 konkrete Ansatzpunkte zuzuordnen, die im Sinne der Mitigation wirken und konkrete Handreichung sein sollen.

  1. Mitigation durch neue Strukturen und Rituale
    In vielen Unternehmen und Bereichen ist die Selbstverständlichkeit räumlicher Nähe und zeitgleicher Präsenz nicht gegeben. Das morgendliche Stand-up-Meeting, das gerade von der persönlichen Anwesenheit lebt, fällt zumindest in bekannter Form aus. Ähnliches gilt für andere Meetings und Gepflogenheiten. Diese Leerstellen sollten gefüllt werden, etwa durch Einführung eines morgendlichen Web-Meetings, in dem die über den Tag zu erledigenden Aufgaben diskutiert und der Fortschritt bei Projekten oder anderen Vorgängen ausgetauscht wird. Unterstützend könnte ein kleines Template wirken, das alle Beteiligten ausfüllen und im Web-Meeting in aller Kürze durchgehen. Das erhöht die Effizienz der durchaus anstrengenden online-Treffen.
  2. Mitigation durch Sensibilisierung und Verantwortungsbewusstsein
    Es sollte gerade durch die Führungskräfte immer wieder deutlich aufgezeigt werden, dass es bei verteilter, dezentral zu erledigender Arbeit nur mit einer gehörigen Portion von Verantwortungsbewusstsein und persönlichem Commitment funktionieren kann. Fraglos müssen zahlreiche Home-Worker eine Balance zwischen privatem Umfeld und beruflicher Tätigkeit finden. Aber grundsätzliche Anforderungen wie etwa solche an die Informations- und Datensicherheit gelten auch in diesen Tagen. Hier sind persönliche Aufmerksamkeit und Sensibilität vonnöten. Angesichts der stets individuellen Gegebenheiten kann es die häufig erwarteten (aber zuweilen nur vorgeschobenen?) „klaren Ansagen“ durch die Führungskraft nicht geben, weil sie einfach nicht über die Gegebenheiten vor Ort im Detail informiert sein kann (was sich auch in Corona-Zeiten nicht ändern soll). Die immer wieder anzutreffende Konsumhaltung („Der soll mir sagen, was ich wie machen soll, dann mache ich das; vorher aber nicht“) kann spätestens jetzt nicht mehr funktionieren. Hab‘ ich noch nie in meinem Blog gemacht, aber jetzt ist es Zeit für einen tendentiell zudringlichen Anwurf: Leute, übernehmt Verantwortung!
  3. Mitigation durch Kommunikation, Führung und Feedback
    Gerade jetzt, wo spontane Kommunikation im Face-to-Face-Kontakt so wichtig wäre, steht sie uns nicht ohne weiteres zur Verfügung. In Zeiten von Krise und Reset bedarf es der Verabredung und damit eines zeitlichen Vorlaufs. Doch das ist nicht alles: Kommunikation über online-Kanäle braucht Regeln und Konventionen. Eine kleine Auswahl von Beispielen: Agenda mit Zuständigkeiten sowie Redeanteilen definieren; Konventionen für Wortmeldungen und die Nutzung begleitender Chats implementieren; Aufgaben eindeutig benennen und zuweisen; Feedback geben. Gemerkt? Das alles sind Führungsaufgaben. Dass die Führungskräfte in der Vergangenheit überwiegend unzureichend auf Führen aus der Distanz vorbereitet wurden, rächt sich jetzt, ist aber momentan nicht zu ändern. Jetzt gerade ist weder die Zeit für Lamentieren noch dafür, in wünschenswerter Sorgfalt auf diese Herausforderung vorzubereiten. Ein kleiner persönlicher Seufzer sei mir dennoch gestattet: Schon vor fast 20 Jahren hat das conex-Institut Trainings zum Führen aus der Distanz angeboten, das Interesse tendierte gegen Null. „Kein Bedarf“, hieß es unisono. Aber wie gesagt, das ist jetzt nicht mehr zu ändern. Nun gilt es, die Führungskräfte bestmöglich zu unterstützen und darauf zu vertrauen, dass sie ihre Führungsfunktion auch unter schwierigen Bedingungen wahrnehmen. Und dabei, man denke an das oben vorgestellte 4. Prinzip, auf sich achtgeben: Auch Führungskräfte sind verunsichert, leben in Sorge um sich selbst und ihre Lieben.
  4. Mitigation durch Mut und Zuversicht
    Wer tagtäglich Infektionszahlen, Todesraten und andere Horrormeldungen zur Kenntnis nimmt, kann durchaus Angst, mindestens aber Zukunftssorge entwickeln. In normalen Zeiten können wir auf informelle Netzwerke zurückgreifen: freundschaftlicher Austausch im Kollegenkreis, der gemeinsame Kantinenbesuch, der Weg zum Meeting, der Treff in der Cafeteria usw. Digitaler Ersatz kann die emotionalen Bedürfnisse nicht vollständig kompensieren. Aber durch häufiger und deutlicher als sonst geäußerte Worte der Anerkennung für erreichte Resultate, durch Feedback und fraglos auch durch ehrliches Eingestehen eigener Unsicherheit können Führungskräfte wie Kolleginnen und Kollegen Vertrauen, Zuversicht und emotionale Geborgenheit schaffen. Emotionale Appelle sollten aus gegebenen Fakten nachvollziehbar kommuniziert werden. In gebotener Anonymität ein tolles Beispiel, das ich vor wenigen Tagen aus dem conex-Kundenkreis mitbekam: Ein wichtiger Schlüsselkunde lobte begeistert die weiterhin zuverlässigen und termingetreuen Lieferungen in gewohnter Qualität. Dieses Lob wurde durch den Vorstand sofort weitergegeben, die Resonanz unter den Mitarbeitenden war großartig, denn die Aussichten auf eine auch in Zukunft stabile Kundenbindung sind hoch.
  5. Mitigation durch spielerische Momente und Humor
    In den letzten 4 Wochen habe ich vermutlich mehr als 100 kurze Videos, Fotos und andere Memes über die gewohnten Kanäle erhalten, die zum Teil auf wirklich witzige Art die Corona-Pandemie kommentieren. Mit Blick auf das, was mir von meinen Kontakten zugeleitet wird, bin ich kein Einzelfall. Dass geballte Kreativität in einem solchen Ausmaß freigesetzt und positiv wahrgenommen wird, hat eine wesentliche Ursache in dem Bedürfnis, sich über Ironie, vielleicht auch Zynismus von allzu großer Belastung zu distanzieren. Humor wie auch spielerische Momente sollten deshalb in viel größerem Ausmaß als üblich in das Repertoire der internen Kommunikation aufgenommen werden. Eine Selfie-Galerie aus den Home-Offices, ein Voting der lustigsten Videos (ja, ich weiß: Datenschutz und Datensicherheit) aus den Social Networks oder kleine Selbstportraits mit Berichten über persönliche Hobbies (wer malt oder macht Musik? Wer sammelt Modellautos oder Briefmarken? Wer kocht gern und möchte zu einem Corona-Kochbuch beitragen? usf.) sind schnell und ohne größere Kosten ausgelöst. Abermals überquere ich die Grenzen zur Seriosität: „An Tagen wie diesen“ (vgl. Die Toten Hosen) dürfen kommunizierte Inhalte die Maßgaben politischer Korrektheit gelegentlich etwas herunterpriorisieren.

Ebene 3: Umgang mit den individuellen und situationsspezifischen Gegebenheiten vor Ort

Vermutlich gelingt Konsens auf den übergeordneten Ebenen eher als dort, wo wir wirklich am Ort des Geschehens sind. Wir müssen feststellen, dass gerade jetzt, wo wir darauf angewiesen sind, uns unzureichende Kapazitäten der Datennetze, ein lückenhaftes Mobilnetz oder die bescheidenen Möglichkeiten für ungestörtes Arbeiten von zu Hause aus behindern. Angesichts der Vielfalt von Problemen und Barrieren vor Ort kann es in meinem quasi-öffentlichen Blog nur einen einzigen Hinweis geben: Setzen Sie voraus, dass jede und jeder Einzelne den bestmöglichen Weg verfolgt, um die gestellten Aufgaben erledigen zu können. Die jeweiligen individuellen, unternehmens- sowie situationsspezifischen Gegebenheiten bieten Möglichkeiten – setzen aber auch Grenzen.

Im nächsten Teil werde ich einige Gedanken zur Normalität 2.0, also zur Situation nach Corona äußern. Auch wenn irgendwann die Corona-Krise vorbei sein wird – ein simples Zurück auf den Status ante wird es nicht geben.

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Dr. Guido Wolf,
Kommunikationsforscher

Unternehmensberater – Trainer – Moderator – Coach

Institutsleitung conex.

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