Weihnachtsfeiern: Man weiß nie, was man kriegt_#41

von | 15/12/2015 | 5 Kommentare

Nicht mehr lange und es weihnachtet sehr. Doch die Vorboten sind seit Wochen unterwegs und tragen einen Namen: Weihnachtsfeier. Überwiegend werden die Augen verdreht, wenn das Wort fällt, fast so, als sei eine entspannte Feier voller Harmonie die große Ausnahme. Häufiger werden Weihnachtsfeiern beschrieben als langweilige Pflichtveranstaltung in gezwungener Atmosphäre, zuweilen geprägt durch alkoholbedingte Abstürze, Entgleisungen oder Peinlichkeiten. Hier 2 Geschichten, die schon etwas zurückliegen und mich emotional berührt haben. Und am Ende zu dem Schluss kommen lassen, dass Weihnachtsfeiern ihren Wundertütencharakter wohl nie verlieren werden. 

Erste Geschichte: Die große Lüge

Wir schreiben den 8. Dezember. Ein großer Saal, ein tolles Buffet, eine Live-Band spielt zum Tanz auf. Und los geht’s: Der Geschäftsführer tritt ans Mikrofon. Nach üblichen Begrüßungsworten und einem Rückblick auf „kritische Geschäftsentwicklungen“ unter „zunehmend schwierigeren Marktbedingungen, die sich im kommenden Jahr noch verschärfen werden“, holt er schließlich zum großen Dank aus: „Es war einzigartig, wie wir alle gemeinsam die riesengroße Aufgabe gemeistert haben, unsere Firma vor dem schlimmsten zu bewahren, das es für uns geben kann: vor der Lieferunfähigkeit. Dass trotz Ausfall der großen Presse der Rückstand wieder aufgeholt werden konnte und kein einziger Kunde seine Lieferung zu spät erhielt, haben wir vor allem dem Produktionsbereich zu verdanken. Sie waren zur Stelle, als es um alles ging. Aber auch die Kolleginnen und Kollegen im Vertrieb, in der Instandhaltung und nicht zuletzt unsere Logistik haben mit größtem Einsatz die Kuh vom Eis geholt. Ich bin stolz auf uns alle. Mit diesem Spirit werden wir alle Herausforderungen meistern, die sich uns stellen. Darauf wollen wir anstoßen!“ Applaus setzt ein, der Geschäftsführer prostet in die Runde und ruft laut hinterher: „Fröhliche Weihnachten und ein tolles Neues Jahr!“ Bald sieht man ihn mit gelockerter Krawatte und ohne Jackett an verschiedenen Tischen im lockeren Gespräch mit der Belegschaft. Nicht alle haben überhört, dass er von sich weiter verschärfenden Marktbedingungen gesprochen hatte. Aber der Mann ist einfach ein grandioser Dampfplauderer. In seiner Nähe wird viel gelacht. Wenig später animiert er durch eigenes Vorbild zum Tanz, er selbst gehört zu den ausgelassensten Tänzern. Und die Band spielt wirklich gut.

Es ist Anfang Januar und viele sind noch im Urlaub. In den Briefkästen der Belegschaft liegt ein Schreiben der Geschäftsführung. Kernaussage: „Aufgrund der Geschäftsentwicklung des vergangenen Jahres sowie der weiterhin negativen Entwicklung sehen wir uns bedauerlicherweise gezwungen, weitgreifende Maßnahmen zur Kostenreduktion einzuleiten. Wir haben deshalb den Betriebsrat heute darüber informiert, dass wir uns von Teilen der Belegschaft in den Produktionsbereichen kurzfristig trennen müssen. Derzeit wird ein Sozialplan erarbeitet.“ Und so weiter.

Tja. Da war ein hartes Jahr, geprägt von großem Engagement im Kampf um Marktanteile; da waren die aufopferungsvollen Einsätze zur Behebung der Produktionsausfälle; und da war noch vor kurzem eine ziemlich teure Weihnachtsfeier mit verheißungsvollen Aussagen („… alle Herausforderungen meistern…“). Und jetzt dieser Brief? Jedem ist klar, dass die Entlassungspläne lange vor der Weihnachtsfeier fertig auf dem Tisch lagen. Wie hieß es noch vor wenigen Tagen: „Fröhliche Weihnachten und ein tolles Neues Jahr!“

Zweite Geschichte: Eine unerwartete Begegnung

Ich freue mich sehr, denn ein langjähriger Kunde hat mich zur betriebsinternen Weihnachtsfeier eingeladen. Für externe Berater ist so etwas eine große Ausnahme, entsprechend fühle ich mich geehrt. Aber völlig unerklärlich ist meine Einladung auch wieder nicht, denn seit mehr als 10 Jahren unterstütze ich den Bereich Qualitätsmanagement. Mal konzipieren wir Schulungs- oder andere Kommunikationsmaßnahmen, mal übernehme ich interne Audits, mal denken wir über die weitere Ausgestaltung der Organisation nach. So habe ich das Unternehmen gut kennengelernt und bin vielen ein bekanntes Gesicht.

Als ich zur Weihnachtsfeier eintreffe, erhalte ich am Empfang einen Zettel mit einem Symbol und dieser Aufforderung: „Finden Sie die Person, die dasselbe Symbol auf dem Zettel hat wie Sie, und suchen Sie Ihre Plätze. Die erkennen Sie an dem Tischkärtchen mit demselben Symbol. Dort finden Sie einen Umschlag mit einer weiteren Aufgabe, die Sie gemeinsam lösen.“

Lustig, denke ich, eine schöne Idee. Auch ich finde es eigentlich langweilig, wenn sich stets dieselben Gruppen an den Tischen zusammenfinden. Meistens sind es die Kolleginnen und Kollegen, die ohnehin in derselben Abteilung arbeiten. Vermutlich säße ich unter normalen Umständen mit meinen Ansprechpartnern aus dem Qualitätsmanagement zusammen. So aber bin ich gespannt, wen ich kennenlernen werde. Überall emsiges Suchen, Leute sprechen einander an, halten ihre Zettel vergleichend aneinander, stoßen miteinander an, lachen, finden sich oder suchen weiter. Anerkennend bemerke ich, dass auch die 3 Vorstände mit einem Zettel in der Hand unterwegs sind. Ich bin mittendrin – und glaube plötzlich, in einem schlechten Traum gelandet zu sein: Ausgerechnet DEN  habe ich erwischt? Herrn K. aus der Personalabteilung, der seit einiger Zeit nur noch ein saures Gesicht macht, kaum grüßt und in der Kantine am liebsten alleine am Tisch zu sitzen scheint? Der im Frühjahr, als wir eine Schulung zum Qualitätsmanagement planten, immer nur Bedenken und Einwände hatte, schwierig im Umgang ist und nach meiner (höchst privaten) Auffassung nur noch als Bremsklotz wirkt? Auch Herr K. ist sichtbar nicht begeistert, bei mir gelandet zu sein. Er wirkt noch angesäuerter als sonst. Vermutlich hat auch er nicht vergessen, dass es erst vor 2 Monaten ein ungut verlaufenes internes Audit gab. Aber jetzt haben wir beide eindeutig dasselbe Symbol auf unseren Zetteln. Nix zu machen, denke ich, also Augen zu und durch. „Na dann“, sage ich, um gute Miene zum Spiel bemüht, nachdem wir uns ziemlich sachlich begrüßt haben.

Wir machen uns auf die Suche nach unseren Plätzen. Dort liegt das Kuvert mit der nächsten Aufgabe. Und die hat es in sich: „Bitte erzählen Sie einander das für Sie angenehmste Erlebnis, das Ihnen im zu Ende gehenden Jahr widerfahren ist. Es kann etwas Berufliches oder Privates sein, aber selbstverständlich entscheiden Sie selbst, wie persönlich es wird.“ Die nächste schöne Idee, aber ausgerechnet mit dem? Bringen wir es hinter uns, denken wir wohl beide. Ich bin der Schnellere: „Also“, sage ich, „was war denn das angenehmste Erlebnis für Sie?“

Herr K. schaut mich an und sagt zunächst gar nichts. Plötzlich geht ein Ruck durch ihn und er sagt: „In diesem Jahr war nichts angenehm, gar nichts.“ Na klar, seufze ich innerlich, wie sollte auch. Doch schon eine Sekunde später fährt er fort: „Mein Sohn ist erst 17 Jahre alt und hat Leukämie. Anfang des Jahres bekamen wir die endgültige Bestätigung der Diagnose.“ Peng. Ich bin betroffen und fühle mich sofort beschämt. „Oh nein, das tut mir leid“, stottere ich. Schaue ihn an, als er fortfährt und schildert, wie es für den Sohn, für ihn selbst, seine Frau und die jüngere Tochter war und wie es ist, sein eigenes Kind so nah am Tod zu sehen. Herr K. erzählt von seinen Versuchen, mit der Situation fertig zu werden, von seinen Ängsten, von den Hoffnungen und Rückschlägen nach jeder Chemotherapie, davon, dass es dem Jungen derzeit eher gut gehe und just morgen die Weihnachtsfeier auf der Station stattfinde. Und ich kann ihn immer nur anschauen und versuchen nicht daran zu denken, was ich bis vor kurzem noch über den Mann dachte.

Ich wünsche Ihnen schöne Weihnachtstage.

5 Kommentare

  1. Erich Otten

    Hallo Herr Dr. Wolf, die „unerwartete Begegnung“ macht auch mich sehr nachdenklich. Danke dafür.
    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie eine frohe Weihnachtszeit und einen Guten Start ins Neue Jahr.
    Erich Otten

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  2. Dr. Cristina Osterhoff

    Lieber Guido,

    vielen Dank für die weihnachtlichen Erzählungen. Ich fand sie schön, auch weil sie sehr menschlich sind und ich konnte mich zum Teil in ihnen wiederfinden.
    Es stimmt: „Man weiß nie, was man kriegt“ aber man kriegt immer etwas und daraus machen wir ein Leben lang das Beste.

    Frohe Weihnachten!
    Cristina Osterhoff

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  3. Dr. Guido Wolf

    Lieber Herr Otten, liebe Cristina, vielen Dank für das freundliche Feedback. Mit besten Wünschen für die anstehenden Festivitäten, Ihr/ Dein Guido Wolf

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  4. Hans-Werner Wenglorz

    Lieber Guido,
    mit den beiden realistischen Erzählungen triffst Du des Pudels Kern. Im ersteren Fall habe ich dass 2x miterlebt. Es ging bei einer Firma noch weiter: wenn wir nicht die richtige Partei wählen würden (Aussage GF) sollten wir uns nicht wundern, wenn unser Arbeitsplatz gefährdet sei. Nur lag es zum Schluss nicht an der richtigen oder falschen Partei – nein, die heikle Technik war politisch (und bei der Bevölkerung) nicht mehr durchsetzbar. Und das hatten die Oberen jahrelang ignoriert. Ob aus Unkenntnis oder Verblendung kann ich nicht beurteilen.
    Im 2. Fall kann ich es sehr gut nachvollziehen nur mit dem Unterschied, dass ich meinem Chef 100% Vertrauen als Vorschuss gab und dann über die Jahre hinweg dieser Vorschuss von ihm selbst auf Grund mangelnden Führungsverhaltens und mangelnder Empathie aufgebraucht wurde (Soziopath). Ich denke, dass diese Enttäuschung schlimmer ist als im Nachhinein sich positiv korrigieren zu müssen, wie Du es im letzten Fall schilderst.

    Ansonsten wie immer alles auf den Punkt gebracht.

    Dir und Deiner Familie ein besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr.

    Dein Hans-Werner

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  5. Dr. Guido Wolf

    Lieber Hans-Werner, es ist zuweilen wirklich schlimm, mit welcher Grausamkeit Menschen anderen Menschen das Leben zur Hölle machen. Dabei vermute ich, dass es gar nicht selten eher gedankenlose Unbedarftheit als absichtsvolle Boshaftigkeit ist. Aber unabhängig davon werden Menschen emotional verletzt.
    Umso mehr wünsche ich Dir alles Gute für die Weihnachtstage und das Neue Jahr.

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