Unkorrigierbare Annahmen als Risikofaktor _#48

von | 17/07/2016 | 0 Kommentare

„Unsere Kunden verstehen so etwas nicht.“ „Mitarbeiter muss man über organisatorische Änderungen mit einem Satz PowerPoint-Folien informieren, das reicht dann.“ „Mit Hilfe unserer Marktforschungsdaten können wir exakt vorhersagen, wie sich die Absatzzahlen entwickeln.“ Derlei Sätze schon gehört? Und dann auf die Begründung befragt? Da kommt in aller Regel nicht viel: „Das weiß man doch!“ Im Duktus finaler Selbstverständlichkeit fundamentieren solche Aussagen, die ich als „unkorrigierbare Annahmen“ oder auch als „Glaubenssätze“ bezeichne, ein fest verankertes Weltbild, das geradezu hermetisch abgesichert ist. Dieses Weltbild und damit die es aufrechterhaltenden unkorrigierbaren Annahmen widerstehen jeder kritischen Frage und bleiben selbst dann existent, wenn es unleugbare Widersprüche oder sogar entgegengesetzte Fakten gibt. Es dürfte leicht einzusehen sein, dass dies zu gravierenden Problemen führen kann.

Die Entstehung unkorrigierbarer Annahmen ist im Grunde simpel: Ursprünglich als Einzelbeobachtung getroffene Aussagen werden zu generalisierten Gewissheiten, die als Wahrnehmungs-, Deutungs- und Bewertungsfilter funktionieren. Ein großer Teil der unkorrigierbaren Annahmen ist gesellschaftlich verankert und wird kulturell im kleinen oder großen Maßstab überliefert. Unter anderem mit solchen Prozessen befasst sich die „Ethnomethodologie“, eine seit mehr als 50 Jahren existierende, in den USA gegründete Forschungsrichtung der Soziologie. Aus diesem Forschungskontext stammt ein sehr schönes Beispiel, mit dem die Funktionsweise unkorrigierbarer Annahmen veranschaulicht werden kann.

Die Azande und ihr Orakel

In Afrika lebt das Volk der Azande. Wenn die Azande eine wichtige Entscheidung zu treffen haben, dann ziehen sie ein Orakel zu Rate.

Ein Hinweis zur Quelle: Ich beziehe mich auf die Ausführungen in Hugh Mehan/ Houston Wood (1979): Fünf Merkmale der Realität; in: Weingarten/ Sack/ Schenkein (19792): Ethnomethodologie. Beiträge zu einer Soziologie des Alltagshandelns, Frankfurt: Suhrkamp, Seite 29-63.

Nehmen wir an, es ginge um die Frage, ob ein Haus an einer bestimmten Stelle errichtet werden soll. Um das Orakel zu befragen, folgen die Azande einem streng vorgeschriebenen Ritual: Zuerst wird eine Substanz aus der Rinde einer bestimmten Baumsorte gewonnen, die anschließend auf eine seance-ähnliche Art zubereitet wird. Die zur Entscheidung stehende Frage wird als ja-nein-Frage gestellt. Sodann gibt man die Substanz einem Küken zu fressen. Zuvor hat man noch festgelegt, ob der Tod des Kükens für „ja“ oder für „nein“ steht. Die Azande glauben nicht, dass die Baumrinde ein Gift enthält, an dem Küken sterben können. Sie glauben vielmehr, dass das Ritual, das aus dem Sammeln der Rinde, der Zubereitung der Substanz etc. besteht, die ursprünglich natürlichen Objekte (Baum, Rinde, Zubereitung der Substanz, Auswahl des Kükens usw.) in das Orakel und damit in eine Instanz verwandelt haben, die die richtige Entscheidung vorzugeben weiß. Der Tod oder nicht-Tod des Kükens gibt die Entscheidung vor. Für die Azande ist das Orakel eine vollkommen selbstverständliche Instanz. Seine Antworten geben die richtige Entscheidung vor.

Was aber passiert, wenn die in die Tat umgesetzte Entscheidung des Orakels (also ein totes oder eben nicht gestorbenes Küken) durch spätere Ereignisse widerlegt wird? Wenn also beispielsweise das Haus an dem Platz, den das Orakel eigentlich für gut befunden hatte, plötzlich überflutet wird? Erstaunlicherweise stellen die Azande dann nicht das Orakel oder gar ihren Glauben an Orakel allgemein in Frage. Vielmehr finden sie Hilfserklärungen: Es haben dann wohl Zauberer, Geister oder Götter interveniert, um die Entscheidung des Orakels zu verfälschen, oder der Ritus wurde nicht korrekt vollzogen. Wie auch immer, die Azande hinterfragen nicht das Orakel und das zugehörige Ritual, denn sie wissen, dass es dieses Orakel gibt. Das Orakel ist für die Azande eine unkorrigierbare Annahme, die unverrückbarer Teil ihrer Sicht auf die Welt und damit Teil ihrer Realitätskonstruktion ist.

Sind wir nicht alle Azande?

Zurück in unsere Welt: Hermetisch abgesicherte, unhinterfragbare Weltbilder haben wir alle. Mehan/ Wood zeigen auf, dass auch in westlichen Kulturen die Realitätskonstruktion auf einigen wenigen unkorrigierbaren Annahmen beruht. Beispielhaft sei auf unsere Annahme der „Objektkonstanz“ verwiesen: Wir sind davon überzeugt, dass dingliche Objekte, also etwa meine Brille, nicht einfach ihre Beschaffenheit verändern. Wenn ich meine Brille suche, überall, auch auf meinem Schreibtisch; wenn ich sie einfach nicht finde und ratlos an den Schreibtisch zurückkehre und dort die Brille bestens sichtbar antreffe: Dann widerspricht es meiner Realitätskonstruktion anzunehmen, dass die Brille zwischendurch gasförmig war oder spazieren gegangen ist oder ähnliches. Ich nehme dann an, dass ich doch nicht richtig gesucht oder hingesehen habe. Denn ich gehe – wie vermutlich auch Sie – von der Objektkonstanz aus (die Azande übrigens nicht).

Sollten Sie denken, dass das alles furchtbar abstrakt ist, dann versetzen Sie sich in die Lage der Menschen an der Schwelle zur Neuzeit, die plötzlich mit der vollkommen neuen Sichtweise konfrontiert waren, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Die kopernikanische Wende dürfte vermutlich eine ähnlich weitreichende Erschütterung fest verankerter, kulturell überlieferter Realitätskonstruktion sein wie die Annahme der Objektkonstanz. Und wenn mir hier jemand mit der Newton’schen Physik kommen will, dann verweise ich auf die Quantentheorie, die ebenfalls das Potential tiefer Erschütterungen unserer Weltsicht haben dürfte (und für die so etwas wie Objektkonstanz keineswegs einfach so gegeben ist).

Unkorrigierbare Annahmen und ihre Auswirkungen in den Unternehmen

An dieser Stelle breche ich die grundsätzliche Auseinandersetzung mit unkorrigierbaren Annahmen ab. Es gilt zu akzeptieren, dass unser Weltbild auf tief verwurzelten Glaubenssätzen beruht. Und das eben nicht nur auf sehr prinzipieller Ebene, wie die eingangs zitierten Aussagen aus realer Unternehmenswirklichkeit belegen: Unkorrigierbare Annahmen existieren auch in Unternehmen. Dort (und eigentlich: nicht nur dort) können sie erheblichen Schaden anrichten.

Beispiel Marktforschung: womöglich nichts anderes als das Orakel der Azande?

Fragen Sie sich bitte selbstkritisch, ob es nicht auch in Ihren Deutungs- und Bewertungsmustern vergleichbare unkorrigierbare Annahmen gibt. Wie steht es beispielsweise mit der Annahme, dass es auf Grundlage von Marktstudien gelingen kann, die Erfolgsaussichten für ein neues Produkt zu bestimmen? Sicherlich verkürze ich hier, aber am Ende basieren Marktforschung und ihre Nutzung auf der Annahme, dass sich die Zukunft auf Grundlage der Vergangenheit vorhersagen lasse (die Datenerhebung ist ja zeitlich abgeschlossen und die erfragten Antworten sind ebenfalls reflektierte Vergangenheit der Antwortenden). Gerade mit Blick auf unsere neue Wirklichkeit, geprägt von disruptivem Wandel, der aufgrund der digitalen Transformation in nahezu allen Lebensbereichen vollkommen neue Bedingungen schafft, muss gefragt werden: Ist der Glaube an Marktforschung so viel besser als der Orakelglaube der Azande?

Es lohnt sich, gelegentlich innezuhalten und sich gerade in kritischen Momenten zu fragen, ob die eigenen Kriterien zur Beurteilung einer (komplexen) Fragestellung, ob die Tendenzen der eigenen Entscheidung nicht in einer Weise von Glaubenssätzen geprägt sind, die einen angemessenen Blick auf die Situation verstellen.

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