Sinn machen_#54

von | 15/01/2017 | 2 Kommentare

Eine aktuelle Fundamentalkategorie aus wissenssoziologischer Sicht

Ab und zu – vielleicht sogar zu selten – werden in den Unternehmen die großen Fragen gestellt. „Wo werden wir in 5 Jahren stehen?“ „Warum sollten junge High Potentials bei uns arbeiten wollen?“ „Was unterscheidet uns wirklich von den Wettbewerbern? „Welche Grundüberzeugungen und welche Werte teilen wir?“ „Wie und mit welchen neuen Lösungen können wir neue Kunden gewinnen?“

Sinnfragen – nach Sinn fragen

Wer solche Fragen stellt, fragt nach Sinn. Dabei ist „Sinn“ ein sehr vielschichtiges Wort, wie bereits unsere Alltagssprache zeigt. Einige Beispiele:

  • Ausdrücke wie „Scharfsinn“ oder „Tiefsinn“ deuten an, dass wir „Sinn“ oftmals mit dem Verstand verbinden. Auch dann, wenn wir an den Ergebnissen geistiger Tätigkeit zweifeln, setzen wir Komposita mit „Sinn“ ein. Beispiele sind der „Unsinn“, der „Blödsinn“ oder der „Nonsens“, wörtlich als „Nicht-Sinn“ zu verstehen. Der „sensus“, also das lateinische Wort für „Sinn“, ist im Übrigen die etymologische Wurzel für „Sinn“.
  • Ebenso verwenden wir „Sinn“ im Zusammenhang mit Stimmungen, Gefühlen oder mit unserer emotionalen Grundeinstellung. Dann geht es gerade nicht um Verstand und Geist, sondern beinahe um deren Gegenteil: „Leichtsinn“, „Starrsinn“ oder „Eigensinn“, aber auch „Frohsinn“ erinnern uns daran.
  • „Sinn“ kann auch als Kategorie der Interpretation dienen, etwa wenn wir nach dem „Sinn“ einer Aussage fragen. Dann fragen wir bei einem Diskussionsbeitrag nach seiner Bedeutung.

Und dann gibt es noch den „Sinn“ im eingangs skizzierten – Sinn: als Paraphrase für Orientierung, Richtung, Ziel und Zweck.

Die tiefe Wurzel einer Managementkategorie

Gerade in dieser Hinsicht hat es der Ausdruck in den letzten Jahren zu Ruhm gebracht: „Sinn“ ist zu einer fundamentalen Managementkategorie geworden, etwa wenn es darum geht, die Organisation (neu) auszurichten oder Führung und Leadership (neu) zu interpretieren. Wer hier die Vokabel Sinn verwendet, hat meistens keine Verständigungsschwierigkeiten: Alle wissen, dass es jetzt um (übergeordnete) Orientierung geht.

Ein Grund für dieses Funktionieren scheint mir zu sein, dass wir alle sehr geübt darin sind, „etwas“ mit Sinn zu versehen. Dieses Etwas, das wir alle mehr oder weniger bewusst zu etwas Sinnvollem machen, ist unser Handeln, also unser bewusstes Tun, Unterlassen und Dulden.

Alfred Schütz (1899-1959)

Eine sehr gründliche Auseinandersetzung mit der Funktionsweise „sinnvollen Handelns“ hat vor mehr als 80 Jahren der österreichische Gelehrten Alfred Schütz vorgelegt. Schütz, der später aus Nazi-Deutschland in die USA emigrieren musste, veröffentlichte 1932 seine Monographie „Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie“ (hier verwendet: die Ausgabe aus dem Jahr 1981, als 2. Auflage erschienen bei suhrkamp taschenbuch wissenschaft in Frankfurt a.M.). In seinem komplexen und nicht einfach zu lesenden Werk entwickelt Schütz eine Theorie sinnvollen Handelns, die über die von ihm sehr geschätzten Gelehrten Edmund Husserl und Max Weber (um nur zwei zu nennen) hinausweist. Obwohl Schütz großen Einfluss auf verschiedene Richtungen der Soziologie und Philosophie hatte und bis heute hat, ist sein Modell populärwissenschaftlich weitgehend unbeachtet geblieben. Es liefert jedoch die Erklärung dafür, weshalb wir miteinander über den Sinn einer Organisation sprechen können, ohne dass es zunächst fundamentaler Klärungen bedarf.

„Sinn“ ist nicht einfach „da“

Für Schütz ist „Sinn“ etwas, das durch ein Individuum konstruiert wird und sich nicht einfach ergibt. Konstruiert wird der spezifische Sinn durch die Art der Zuwendung auf ein wahrgenommenes Erlebnis. In Schütz‘ Worten: „Sinn ist (…) die Bezeichnung einer bestimmten Blickrichtung auf ein eigenes Erlebnis, welches wir (…) als wohlumgrenztes nur in einem reflexiven Akt aus allen anderen Erlebnissen herausheben können.“ (Schütz 1981, S. 54). So, wie ich meine Aufmerksamkeit auf etwas richte, produziere – wir können auch sagen: ‚mache‘ – ich dessen Sinn für mich.

Sinn ist damit an ein Bewusstsein gebunden, denn Erlebnissen, die mir nicht bewusst sind, vermag ich keinen Sinn zuzusprechen. Hier spricht Schütz von Verhalten. Von solchen vorbewussten Zuständen, Erlebnissen oder Verhaltensweisen unterscheidet Schütz die Handlungen, die ich entweder plane oder durchgeführt habe. Handlungen sind damit ‚Sinn-volles Verhalten‘. Sie werden ‚Sinn-voll‘ durch ihr Resultat – entweder das angestrebte Resultat (= Zweck des Handelns) im Fall einer geplanten, aber noch gar nicht begonnenen Handlungsplanung, oder das tatsächlich Erreichte nach Abschluss dieser Handlung. Diesen Handlungsresultaten bzw. Zuständen wende ich mich in einem reflexiven Akt und damit bewusst und absichtsvoll zu. Mit dieser Zuwendung in ihrer Spezifik gebe ich dem anstehenden Handeln seinen bzw. der vollzogenen Handlung ihren Sinn. Handeln unterscheidet sich also von ungerichtetem Fühlen und bloßem Verhalten durch den absichtsvollen Akt der Zuwendung  – und damit durch den Sinn, den die spezifische Art der Zuwendung produziert. Dieser Sinn gibt dem tatsächlichen Handeln seine Orientierung. Verkürzt lässt sich ableiten: Der Sinn des Handelns besteht in den durch die abgeschlossene Handlung erreichten Zwecken, die wiederum in der Phase der Handlungsplanung entworfen wurden. Der Sinn einer abgeschlossenen Handlung, die ich in den Blick nehme, besteht aus der Art der Zuwendung auf dieses abgeschlossene Handeln. Vorentworfener Sinn und das reale Handlungsresultat mit seiner nachträglichen Sinn-Zuweisung können sich durchaus unterscheiden, wie sich ergänzen lässt – und wie die Lebenserfahrung lehrt. Die durchaus komplexe Sicht soll diese Grafik veranschaulichen:

Verkürzte Darstellung der Handlungstheorie von Alfred Schütz

Die Schritte 1. und 2. finden vor dem eigentlichen Handeln statt. Zu einem Jetzt-Punkt entwerfe – synonym: plane – ich mein Handeln, indem ich das angestrebte Handlungsergebnis phantasierend vorwegnehme. Durch die Art meiner Zuwendung auf diesen geplanten, ‚jetzt‘ noch nicht zustande gebrachten Zustand produziere ich den Sinn dieses Handelns. Mit Schritt 3 beginnt das eigentliche Handeln als absichtsvolles Tun (symbolisiert durch den grünen Pfeil), das schließlich mit 4. beendet ist. Die Art meiner Zuwendung auf dieses nunmehr reale Handlungsergebnis konstruiert erneut Sinn – der dem in 2. entworfenen Sinn entsprechen kann, aber nicht entsprechen muss.

Es wird an dieser Stelle darauf verzichtet, die Handlungstheorie von Alfred Schütz in ihren für ein grundlegendes Verständnis wichtigen Aspekten weiter darzulegen.

Individueller Sinn und Unternehmenssinn: dieselben Konstruktionsprinzipien

Ich möchte herausstellen:

  • „Sinn“ ist das Ergebnis einer Reflexion, wird also ‚gemacht‘. Sinn ist nicht einfach da oder ergibt sich von selbst.
  • Sinn ist etwas, das wir alle permanent produzieren, nämlich in Bezug auf unser eigenes Handeln (was im Übrigen auch für das Handeln anderer gilt, aber darauf gehe ich hier nicht näher ein).
  • Sinn wird sowohl vorentworfen – nämlich in der Handlungsplanung – als auch rückblickend zugewiesen. In beiden Fällen produziere „ich“ Sinn durch einen reflexiven Akt, der seine Spezifik aus der kognitiven, emotionalen und intentionalen Art meiner Zuwendung gewinnt.

Wesentlich ist, dass Schütz‘ Ansatz die Kategorie „Sinn“ untrennbar mit dem Handeln, also mit bewusstem und absichtsvollem Tun verknüpft. Genau diese Grundüberlegung lässt es zu, die Sinn-Orientierung individuellen Handelns auf das Handeln von Wirtschaftsorganisationen zu übertragen. Fragen nach dem Sinn verhandeln am Ende Orientierung, unabhängig davon, ob es um eine strategische Ausrichtung, um die gemeinsamen Werte, um ein neues Produkt oder um die Verbesserung der Zusammenarbeit im Team geht. Für ein Unternehmen geht es also darum, Sinn bereitzustellen, um dem individuellen wie kollektiven Handeln Orientierung zu bieten. Schütz‘ Ansatz hilft, diesen Vorgang besser zu verstehen.

2 Kommentare

  1. Jens Kapitzky

    … herzlichen Dank für den Hinweis auf Schütz, der leider sehr zu Unrecht kaum noch vorkommt in den entsprechenden Debatten!

    Einen Aspekt kann man, denke ich, noch stärker machen: In der Tat spielt Sinn in vielen Strategie- und ähnlichen Diskussionen heute eine große Rolle.
    Zugleich findet man ja immer wieder – und dies scheint mir so normal wie sinnvoll – in Unternehmen vor, dass man nachträglich zu einer Strategie erklärt, was man reflektierend als Praxis der Organisation bereits vorfindet.
    Mir scheint, dies lässt sich mit Schütz‘ Sinn-Konstruktion trefflich erklären, weil er sehr systematisch die nachträglich-reflektierende Zuwendung zu Handlungen in seine Argumentation integriert.
    In diesem Zusammenhang kann dann oft, gerade bei der Erläuterung für Nicht-Schütz-Leser, die Unterscheidung zwischen „um zu“- und „weil“-Motiven weiterhelfen, weil das unmittelbar anschlussfähig ist an Alltagserfahrungen.

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  2. Dr. Guido Wolf

    Hallo Herr Kapitzky, haben Sie Dank für Ihren Kommentar. Ihr Hinweis auf die Schütz’sche Unterscheidung in „um-zu-“ und „weil-Motive“ bestärkt mich darin, vielleicht doch noch einen zweiten Teil zu wagen. Denn genau darüber habe ich lange nachgedacht und mich dann doch dagegen entschieden, diese Differenzierung vorzustellen. Aber vermutlich haben Sie Recht und es gelingt mit diesem zusätzlichen Theoriestück besser, die Dinge mit dem Alltag in Verbindung zu setzen. Schaunwamal.

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