Ohrenmerk_#33

von | 15/04/2015 | 2 Kommentare

Teil 2: Hörerarbeit

„Das müssen wir kommunizieren“, heißt es oft. Gemeint ist: „Das müssen wir mitteilen“ – so, als seien mitteilen und kommunizieren dasselbe; als sei durch den Akt des Mitteilens die Kommunikation bereits vollzogen. Genau das trifft nicht zu, denn erst mit dem zuhörenden Partner wird Kommunikation überhaupt möglich. Um aber mittels Kommunikation Verständigung zu erzielen, muss der Hörer aktiv mitarbeiten – also „Hörerarbeit“ verrichten. Bloße Anwesenheit reicht nicht, um eine Mitteilung zu einem miteinander Geteilten zu machen. Denn das Ziel des Sprechers liegt im Hörer: Ihn will er veranlassen, etwas zu tun, zu denken, sein zu lassen, eine Meinung zu übernehmen – oder einfach nur zuzuhören.

Mitteilung vs. miteinander geteilt

Damit aus einer Mitteilung ein miteinander Geteiltes wird, reicht auch ein rhetorisch noch so großartig operierender Sprecher nicht aus. Denn unabwendbar bleiben unsere Äußerungen als Sprecher stets unvollständig, sodass sie erst durch kognitive Akte des Hörers vollständigen Sinn erhalten. Das sei anhand eines praktischen Beispiels erläutert:

  • Auf dem Rückweg von der Kantine sagt ein Sprecher zu seinem Begleiter angesichts des soeben passierten Kaffeeautomaten: „Ich lade Dich noch zu einem Kaffee ein.“ Er kann sicher sein, dass sein Begleiter weiß, was jetzt passieren soll.
  • Der Sprecher muss nicht erst erklären, was „Kaffee“ ist. Er muss nicht darauf hinweisen, dass dessen gemeinsamer Genuss den Rückweg unterbricht. Dem Hörer ist klar, dass die beiden nicht das Werksgelände verlassen, um ein Café aufzusuchen, er weiß, dass der Kaffee jetzt konsumiert wird und bezahlt werden muss (in diesem Fall nicht von ihm), dass er eine eigene Tasse (oder einen Becher) bekommt und so fort. All dies fügt er der Äußerung des Sprechers hinzu. Und beide können ihren Kaffee genießen, ohne dass es weiterer (klärender) Äußerungen oder Rückfragen bedarf.
  • In Alltagssituationen kennen wir uns gegenseitig und setzen gemeinsame Alltagskenntnisse voraus (Kaffee; Flüssigkeit; bezahlen; etwas Zeit einplanen). Käme der Hörer jedoch aus einem gänzlich anderen Kulturkreis, dann wären viele Voraussetzungen nicht ohne weiteres anzusetzen. Der Sprecher müsste weiter ausholen, Dinge erklären und Absichten deutlich machen und der Hörer müsste Rückfragen stellen, seine Interpretation überprüfen etc. Doch meistens ist das nicht der Fall.
  • Um uns schnell und ausreichend zu verständigen, können wir als Sprecher ziemlich viel weglassen. Der Kommunikationswissenschaftler Gerold Ungeheuer bezeichnet diese Eigenschaft des Sprechens als „elliptisch“, vergleichbar mit „fragmentarisch“ oder „unvollständig“ (Gerold Ungeheuer <1987a>: Vor-Urteile über Sprechen, Mitteilen, Verstehen, S. 327; in: ders. <1987>: Kommunikationstheoretische Schriften I: Sprechen, Mitteilen, Verstehen, S. 290-338). Keine sprachliche Formulierung, so Ungeheuer, könne einen vollständigen Plan für den Hörer liefern, nach dem dieser seine Vorstellungen exakt nach des Sprechers Anweisung bildete.
  • Aber das müssen wir auch gar nicht. Wir wissen (wenn auch in der Regel unbewusst), dass das, was wir weglassen, der Ergänzung bedarf. Und gehen wie selbstverständlich davon aus, dass der Hörer exakt diese Ergänzungen vorzunehmen weiß. Die alltäglichen Missverständnisse lassen sich übrigens nicht selten darauf zurückführen, dass wir uns darin täuschen. Wir sagen dann: „Aber das habe ich doch gesagt!“ und werden belehrt, dass wir das keineswegs gesagt, aber vielleicht gemeint haben.

Kommunikation ist eine Gemeinschaftshandlung, die nur durch aktives Handeln beider Seiten gelingen kann (sonst wird das nämlich nichts mit dem Kaffee). Hörer müssen also mitarbeiten – was nicht immer gelingt. Das belegt eine Studie, die mir vor einigen Jahren berichtet wurde und nach der sich rund 85%  der Befragten als gerade mal durchschnittliche oder schlechte Zuhörer einschätzten. Der Wert mag sehr hoch erscheinen, doch deuten vermutlich nicht nur meine täglichen Kommunikationserfahrungen ebenfalls an, dass es um das kompetente Zuhören nicht zum Besten steht. Deshalb diese Hinweise für gutes Zuhören:

  1. Seien Sie als Hörer offen, tolerant und robust.
    „Offen“ bedeutet beispielsweise, dass etwas nicht schon deshalb dumm sein muss, weil es just von diesem Sprecher geäußert wird. „Offen“ bedeutet aber auch, dass Sie vielleicht etwas hören, das eine neue Erkenntnis, einen erstaunlichen Aspekt und damit eine Bereicherung darstellt. „Tolerant“ sollten Sie sein, weil die eigenen Ansprüche an präzise, grammatisch korrekte Ausdrucksweise nicht automatisch für jeden gelten. Und „robust“ sollten Sie sein, wenn der Sprecher eine Äußerung beginnt, die möglicherweise nicht Ihre Meinung trifft – dann warten Sie und hören weiter zu. Wer weiß, was noch kommt, und wer weiß, was Sie lernen können.
  2. Achten Sie auf die für Sie interessanten Inhalte.
    Sprecher schweifen ab, fügen für die Aussageabsicht irrelevante Aspekte hinzu oder wiederholen sich. Wenn Sie nicht bloß als Publikum dienen möchten (auch wenn das zuweilen sehr amüsant und wertvoll sein kann – wir geben sogar Geld dafür aus, beispielsweise bei einer Autorenlesung oder einer Karnevalssitzung), dann achten Sie auf einzelne Aussagen und machen sich eine (geistige) Notiz.
  3. Fragen Sie sich, was der Sprecher Sie denken lassen möchte.
    Die Äußerungen eines Sprechers lassen sich als eine Kette von Impulsen begreifen. Diese Impulse sollen uns als Hörer anstoßen, innere Vorstellungen, verfügbares Wissen, Erinnerungen, Bilder etc. wachzurufen und zu einer Struktur zu verbinden (z.B. zu einer logischen). Mit dieser Struktur, die der Hörer sukzessive auf Basis der Sprecheräußerungen konstruiert, erreicht der Sprecher seine Aussageabsicht. Für den Sprecher ist es ideal, wenn die Konstruktionen des Hörers mit den eigenen Absichten übereinstimmen. Als Hörer haben wir jedoch stets die Möglichkeit, genau diese Absicht zu erkennen, etwa im Fall der sich abzeichnenden Nichtübereinstimmung.
  4. Überprüfen Sie Ihr Verständnis durch Nachfragen und Paraphrasen.
    Viel zu oft verlassen wir uns als Hörer darauf, dass unsere Interpretationen zutreffen. Sehr rasch glauben wir zu wissen, worauf der Sprecher hinauswill. Doch die Lebenspraxis zeigt, dass wir uns immer wieder irren: Der langjährige Freund will diesmal nicht die hundert Mal erzählte Episode aus gemeinsamer Vergangenheit aufwärmen; die stets kritische Abteilungsleiterin hat just heute zum ersten Mal nicht vor, das Projekt grundsätzlich in Frage zu stellen. Deshalb hilft es sehr, wenn wir als Hörer frühzeitig durch verständnissichernde Nachfragen überprüfen, ob unsere vorauseilende Deutung zutrifft. Ebenso helfen kurze Einwürfe als Paraphrase, die das bislang Gehörte in einer alternativen Formulierung verdichten, etwa: „Du meinst so etwas wie x“; „Ah, Sie erinnern an den Fall, den wir vor 2 Jahren hatten…“.
  5. Zeigen Sie Aufmerksamkeit und Interesse.
    Spätestens mit den bisherigen Ausführungen sollte klar geworden sein: Konzentriertes Zuhören ist harte Arbeit, die mit dem gemeinsamen Ziel der kommunikativen Verständigung verrichtet wird. Dabei ist Verständigung keineswegs gleichzusetzen mit Zustimmung. Für den Sprecher ist es jedoch wichtig – fast will ich sagen: notwendig – erleben zu können, dass sein Hörer aufmerksam ist. Deshalb empfehle ich sehr die Technik des „Aktiven Zuhörens“. Dazu gehören ein wacher Blickkontakt, ein aufmerksamkeitsanzeigendes Kopfnicken (im Sinne: „ja, ich höre Dir zu und kann Dir folgen“) oder auch die sogenannten „Hörersignale“ wie das „Hm“, das vielfältige Bedeutung haben kann (von der neutralen Aufmerksamkeitsanzeige über die Zustimmung bis zur Verneinung). Aktives Zuhören signalisiert dem Sprecher, dass er einen an Verständigung interessierten Hörer hat. Und der Hörer motiviert den Sprecher, seine Äußerung im Interesse der kommunikativen Verständigung in geeigneter Weise auszugestalten.

Als Hörer profitieren wir dabei von dem Umstand, dass Gedanken schneller sind als Worte. Auch der schnellste Sprecher erreicht nicht annähernd das Tempo Ihrer gedanklichen Prozesse, wenn Sie zuhörend thematische Ergänzungen vornehmen, Erinnerungen wachrufen oder Zusammenhänge zu früheren Äußerungen herstellen. Zusammenfassend lässt sich Hörerarbeit als „Interpretierendes Nachvollziehen“ beschreiben, das für den Sprecher erkennbar ist. Darauf möchte ich Ihr Ohrenmerk legen.

2 Kommentare

  1. Dirk Schmidt

    Lieber Guido,

    ich freue mich sehr über Deinen Artikel und danke Dir für das über die „Hörerarbeit“ so treffend Ausgeführte. Ich kann dem nur wenig hinzufügen, da ich Deine Sichtweisen auf diesen unterschlagenen Aspekt gelingender Kommunikation im Wesentlichen teile. Mehr spontan und assoziativ frage ich mich im Nachgang, was wohl den Adressaten der Kommunikation (über die von Dir gegebenen Empfehlungen hinaus) zum Hörer macht, welche Art der Bildung ihn allererst „befähigt“ zuzuhören bzw. interpretierend nachzuvollziegen? Ein weiterer Aspekt, den ich ebenfalls spontan und assoziativ einwerfe, berührt die Frage nach einer „konstitutiven Vorrangigkeit“ des Hörens. Ist der Mensch – wie es uns etwa Theologen oder Entwicklungspsychologen sagen – immer schon „Hörer des Wortes“, immer schon Angesprochener und damit ein zur Antwort und Ver-antwortung gerufenes Lebewesen? In jedem Falle, so scheint mir mit Blick auf die Bedingungen der Möglichkeit von Verständigung, muss der „Ausbildung des Redners“ (Quintilian) die „Bildung des Hörers“ an die Seite gestellt werden …

    Herzlichst
    Dirk

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  2. Dr. Guido Wolf

    Lieber Dirk, der Hinweis auf die Bildung könnte leicht als elitär missverstanden werden. Nehmen wir ihn jedoch für’s erste deskriptiv und fassen all das unter „Bildung“, was einen Menschen im Laufe seines Lebens mit (bewussten bzw. bewusst gemachten) Erfahrungen ausstattet und für interpretierendes Hören befähigt. Seine kommunikative Sozialisation dürfte eine ausreichende Basis geschaffen haben, damit die Sache mit dem Zuhören funktioniert – auch dort, wo ansonsten womöglich nicht allzu viel an sonstiger Bildung anzutreffen ist. Dennoch teilen wir vermutlich alle miteinander die Erfahrung, dass Menschen trotz ausreichender Voraussetzungen nicht gut zuhören. Hier dürfte jedoch weniger das „Können“ als vielmehr das „Wollen“ die Hürde bilden.
    Um darüber hinaus jedoch inhaltlich interpretierend und damit aktiv involviert zu sein, braucht ein Hörer mehr: zumindest ein hinreichendes Weltwissen, um sein Nichtwissen zu erkennen. Besser und ergiebiger ist es, wenn Sprecher und Hörer einen Fundus an inhaltlichem Wissen teilen. Schlecht ausgeübte Hörerarbeit beruht damit entweder auf inhaltlich nicht ausreichender (Vor-) Bildung oder auf mangelnder Zuhörbereitschaft. Wenn wir Pech haben, kommt beides zusammen (ich fürchte, dass uns dieses Pech gar nicht selten widerfährt).
    Im übrigen Dank auch für Deinen Hinweis auf Quintilian, der womöglich sogar zugestimmt hätte, wenn wir mit ihm über die Funktion des Hörers diskutiert hätten.

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Dr. Guido Wolf,
Kommunikationsforscher

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