Ohrenmerk_#32

von | 15/03/2015 | 4 Kommentare

Teil 1: Hörermacht

Wer jemals ein Kommunikationstraining besucht hat, wird zustimmen: Trainiert werden Sprechen, Präsentieren und andere Aktivitäten des sogenannten „Senders“. Ausgeblendet bleibt: Zuhören. Dabei ist das Zuhören eine aktiv auszuübende Fähigkeit, die dem Sprechen als Voraussetzung für gelingende Kommunikation gleichzusetzen ist. Mag sein, dass in den letzten Jahren der Zuhörer an Bedeutung gewonnen hat, doch nach wie vor sind die Trainingsbemühungen und Anleitungen auf die Optimierung der kommunikativen Leistungen des Sprechers konzentriert. Dabei kann Kommunikation ohne einen aktiv werdenden Hörer gar nicht erst entstehen. Höchste Zeit also, sich näher mit Hören und Hörern zu befassen. Dieser Blogpost betrachtet das Hören und den Hörer primär aus Sicht des Sprechers. Ein zweiter Teil, der in 4 Wochen erscheint, befasst sich näher mit Hörer und Hören.

„Ohrenmerk“ aus Sicht des Sprechers *

Der störrische Titel dieses und meines nächsten Blogposts ist durchaus in einem doppelten Sinn platziert. Sprecher merken, ob sie gehört werden.

Erst mit der Gewissheit einer bewusst festgestellten, kommunikativen Verbindung erhält das Sprechen einen Sinn. Denn wir beginnen nur dann zu sprechen, wenn wir davon ausgehen können, dass wir gehört werden (von pathologischen Fällen abgesehen). Und wir beenden unser Sprechen, sobald wir davon ausgehen müssen, dass wir unsere Hörer verloren haben, allen rhetorischen Manövern zum Trotz.

Glauben Sie nicht? Dann riskieren Sie ein kleines Experiment mit jemand, mit dem Sie es machen können:

  • Sobald der Andere begonnen hat zu sprechen, wenden Sie sich ab und beginnen Sie etwas ganz anderes, indem Sie beispielsweise Ihr Smartphone bedienen oder etwas notieren.
  • Sehr rasch wird der Andere seine Äußerung unterbrechen und sich erkundigen, was plötzlich los sei.
  • Alternativ können Sie den Sprecher auch dadurch irritieren, dass Sie ihn während seines Sprechens vollkommen ausdruckslos ansehen, dabei nichts sagen, keine bestätigenden Einwürfe wie ein „Hm“ oder ein Kopfnicken einbringen: einfach ihn immer nur ansehen.
  • Auch dies führt über kurz oder lang zu einer Unterbrechung der eigentlichen Äußerung. Der Sprecher unterbricht den Gedankengang und geht auf die entstandene Situation ein, indem er beispielsweise fragt: „Ist irgendwas?“

„Ohrenmerk“ steht also dafür, dass Sprecher merken – merken müssen –, dass sie Hörer haben. Das geschieht durch genaue Beobachtung des adressierten Hörers: Ist er mir zugewandt und signalisiert er Aufmerksamkeit? Oder macht er gerade etwas anderes, das seine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt?

Je nach Lage starten wir Sprecher unsere Äußerung, möglicherweise beginnend mit einer Anrede, die eher eine Ankündigung mit Aufforderungscharakter ist. So könnte ein Sprecher, der die Aufmerksamkeit eines adressierten Hörers gewinnen will, seine Äußerung so beginnen:

  • „Du, hör mal, ich muss Dir etwas sagen…“

 Merkt der Sprecher anhand eines entstehenden Blickkontakts oder eine nonverbalen Zuwendung, dass er die Aufmerksamkeit erlangt hat, beginnt er mit seiner eigentlichen Äußerung.

Der Hörer bestimmt!

Doch Sprecher benötigen auch während ihres Sprechens Hinweise darauf, dass ihre Hörer aufmerksam zugewandt sind. Bleibt der Hörer vollkommen teilnahms- bzw. ausdruckslos oder beginnt sogar eine andere, nicht zur momentanen Kommunikationssituation passende Tätigkeit, wird der Sprecher irritiert. Kompetente Sprecher verfügen über verschiedene Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit wieder auf sich und ihre Äußerung zurückzuführen: Sie setzen sogenannte „Aufforderungssignale“ ein, also lautliche oder nonverbale Äußerungen, die den Hörer gleichsam zurückholen sollen. Einige Beispiele:

  • Die Sprechmelodie wird so geändert, dass die Äußerung wie eine Frage klingt.
  • Mitten in der Äußerung unterbricht sich der Sprecher selbst und platziert ein „hm?“ oder ein anderes Aufmerksamkeitssicherungssignal, etwa ein „nicht wahr?“, ein „oder?“ bzw. ein Dialektsignal (in Süddeutschland zum Beispiel „gell?“; in einigen Regionen Nordrhein-Westfalens ein „woll?“).
  • Der Sprecher setzt eine Sprechpause ein. Denn er weiß, dass ein mitten in der Äußerung platziertes Schweigen sehr machtvoll wirken kann, um den Hörer wieder in die Kommunikation zurückzuholen.

Wir alle verfügen über solche Möglichkeiten, denn wir brauchen sie permanent: Hörer büchsen gern aus. Das gilt gerade in hierarchiegeprägten Situationen wie etwa im Gespräch mit dem eigenen Chef, der plötzlich erkennbar intensiv mit seinem Computer befasst ist, oder auf Meetings, in denen die anwesenden Vorgesetzten beginnen, miteinander zu reden. Aufgrund der eng gesteckten Grenzen, die ein Vorgesetzten-Mitarbeiter-Verhältnis mit sich bringen kann, sind nicht alle Möglichkeiten der Aufmerksamkeitsrückgewinnung möglich. Zuweilen hilft auch, einfach weiter zu sprechen.

Sprecher „hören“ und Hörer „sprechen“: in Kommunikation sind beide gleichzeitig aktiv

Ganz nebenbei lässt sich bereits hieran erkennen, dass das berühmte Sender-Empfänger-Modell eine stark verkürzte Sicht auf zwischenmenschliche Kommunikation darstellt. Denn es zerlegt die Gleichzeitigkeit von Sprechen und Hören in eine Abfolge und reduziert den Hörer auf eine passive Rolle. Beides trifft nicht zu:

  • In zwischenmenschlicher Kommunikation agiert stets ein „hörender“ Sprecher, also ein Sprecher, der die Aktionen und Reaktionen seines Hörers beobachtet und noch während seines Sprechens berücksichtigt.
  • Gleichzeitig ist immer ein „sprechender“ Hörer aktiv, also ein Hörer, der noch während des Sprechens des Anderen lautliche oder nonverbale Aktionen ausführt und so sein Interesse, seine Zustimmung oder Ablehnung anzeigt.
  • Die Aktionen und Reaktionen des Hörers, der noch gar nicht das Wort ergriffen hat, beeinflussen bereits den Sprecher. Das kann so weit gehen, dass der Sprecher seine kommunikative Rolle aufgibt, wenn er seinen Hörer verloren hat.

Nur die für den Sprecher ausreichend gesicherte Annahme, dass er es mit einem aufmerksamen Hörer zu tun hat, macht aus ein Selbstgespräch zu Kommunikation. Denn Kommunikation ist immer erst dann gegeben, wenn Sprecher und Hörer in einer geteilten Situation aktiv sind. Das Ziel des Sprechers liegt im Hörer: Dieser soll etwas verstehen, etwas glauben, eine Meinung übernehmen, etwas tun oder unterlassen. Kommunikationstrainings, die diese Komplexität ausblenden und lediglich auf die Gestaltung des Sprecherauftretens konzentriert sind, sind reduktionistisch. Eigentlich handelt es sich nicht um Kommunikations-, sondern bestenfalls um Sprechtrainings.

 

* Anmerkung:

Den Ausdruck “Ohrenmerk”, der diesem Beitrag als Überschrift dient, übernehme ich von meinem leider viel zu früh gestorbenen Freund und Kollegen Dr. Jürgen Götze. Er befasste sich über Jahre aus psychoanalytischer, gleichwohl kommunikationstheoretisch motivierter Sicht mit den hermeneutischen Leistungen des Hörers. Dabei stand die Perspektive des mit gleichschwebender Aufmerksamkeit dem Klienten zuhörenden Analytikers Freud’scher Prägung im Mittelpunkt seines Interesses. Zu einer Publikation unter dem vielversprechenden Titel kam es jedoch nicht mehr.

Daneben sind 2 maßgebliche Quellen für den Inhalt dieses Blogposts zu nennen. Zum einen handelt es sich um einen Aufsatz meines verehrten Lehrers Professor H. Walter Schmitz. Über sein gesamtes Forscherleben befasst er sich mit der Funktion des Hörers in zwischenmenschlicher Kommunikation. Sein Aufsatz „Über Hörer, Hören und Sich-sagen-Hören. Anmerkungen zur vernachlässigten anderen Seite des Kommunikationsprozesses“ (erschienen in H. Walter Schmitz (ed.) (1998): Vom Sprecher zum Hörer. Kommunikationswissenschaftliche Beiträge zur Gesprächsanalyse, Münster: Nodus, S. 55-84) sowie weitere Arbeiten stellen nach wie vor den state of the art der Zuhörforschung im deutschsprachigen Raum dar.

Zum anderen greife ich Workshopmaterialien auf, die wir bei gemeinsamen Workshop- und Seminarengagements verwendet haben. Urheber dieser Materialien ist H. Walter Schmitz, teilweise haben wir sie gemeinsam ausgestaltet.

4 Kommentare

  1. Ulrike Führmann

    Der „hörende“ Sprecher und der „sprechende“ Hörer – das gefällt mir sehr gut. Danke, Herr Wolf, für den Impuls, das Sender-Empfänger-Modell in diese Richtung zu erweitern.

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  2. Dr. Guido Wolf

    Liebe Frau Führmann, vielen Dank für Ihr Feedback. Gestatten Sie eine kleine Korrektur: Mir geht es nicht um eine Erweiterung des S-E-Modells, sondern um dessen Zurückweisung, sobald zwischenmenschliche Kommunikation damit beschrieben werden soll. Darin weiß ich mich mit Claude Shannon, dem Urheber des Modells, einig, der in seiner Publikation 1949 davor warnte, dieses mathematisch-nachrichtentechnische Modell für menschliche Kommunikation anzuwenden.

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  3. Dirk Schmidt

    Lieber Guido,

    wenn auch mit etwas Verspätung möchte ich kurz auf Deinen neuen sehr anregenden und und mich als Hörer ansprechenden Beitrag antworten. Nicht wenige Deiner Überlegungen zur Sprecher-Hörer-Relation finde ich in der alten Rhetorik wieder und ja, die geläufigen Kommunikationstrainings wären von hier aus einer gründlichen Kritik zu unterziehen. Vielleich darf ich eine Anregung hinzufügen, die mir wichtig erscheint. Sie betrifft Deine Unterscheidung von Selbstgespräch und Kommunikation. Möglicherweise lässt sich auch das Selbstgespräch erst angemessen verstehen, wenn man es als „Kommunikation“ fasst, wobei freilich vorauszusetzen wäre, dass wir beginnen und lernen uns zuzuhören und dabei unser dialogisches „Wesen“, unsere „innere Du-plizität“ begreifen. Solche Kommunikation auf dem „forum internum“ gliche nicht zuletzt jener „inneren Unterredungskunst“, die in philosophischer Perspektive auch den Begriff des Denkens und der Vernunft (im Sinne von Vernehmen) konstituiert …

    Soweit meine spontanen Assoziationen, ganz herzlich
    Dirk

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  4. Dr. Guido Wolf

    Lieber Dirk,

    hab Dank für Deine Rückmeldung sowie für Deinen Hinweis bezüglich meiner Verwendung des Terms „Selbstgespräch“. Ich stimme zu: Auch das Selbstgespräch ist als Kommunikation anzusehen, denn in absichtsvoller Handlung werden Zeichen verwendet. Der wesentliche Unterschied ist natürlich, dass ich mir selbst der Andere bin, ob dieses Gespräch nun innerlich oder sogar von anderen wahrnehmbar geführt wird (letzteres ist nicht in jeder Situation zu empfehlen). Was jedoch beim Selbstgespräch deutlich unterrepräsentiert bleibt, ist die Steuerung des Sprechers durch das Verhalten des Hörers: Einen solchen „höre“ und sehe ich nicht als Sprecher, es sei denn, ich stellte mich vor einen Spiegel. Insofern ist meine Gegenüberstellung von Kommunikation und Selbstgespräch ziemlich salopp, für die hier verfolgte Aussageabsicht aber hoffentlich illustrativ.

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