Möge die Macht mit Dir sein_#53

von | 16/12/2016 | 0 Kommentare

Teil 2: Mit Hierarchie und Hierarchen umgehen

Pünktlich um 10 Uhr morgens, so war es vereinbart, sollte die große Sales-Konferenz mit mehr als 100 Teilnehmern beginnen. Im Rahmen eines Vorbereitungsgesprächs lange vor dem Event hatte der ausrichtende Gebietsleiter ausdrücklich den pünktlichen Beginn eingefordert. Endlich war der große Tag gekommen, alle waren pünktlich erschienen. Alle? Fast alle: Als Moderator dieser Konferenz schaute zum wiederholten Mal auf die Uhr. Mittlerweile war es10.07 Uhr – aber vom Gebietsleiter und seiner nächsten Berichtsebene war weit und breit nichts zu sehen. Ausgesprochen blöd, denn es war vollkommen klar, dass er als Gastgeber für die Begrüßung zuständig war. Also machte ich eine kleine launige Bemerkung ins Plenum, kündigte den dann aber wirklich pünktlichen Beginn für 10.15 an und startete meine Suche (ans Telefon bekam ich den Mann schon mal nicht). Vollkommen überrascht fand ich schließlich die Herren (Damen waren nicht dabei): In sichtlich aufgeräumter Stimmung saß man im Frühstücksraum und hatte soeben nochmals Kaffee nachgeordert. „Jaja, wir kommen jetzt“, wurde ich vom Gebietsleiter leicht unwirsch beschieden, als ich etwas wild auf die Uhr deutete. Der Mann wandte sich erneut seiner Gesprächsrunde zu. Anstalten, sich zu erheben und sein versammeltes „Fußvolk“, wie er sich ausgedrückt hatte, zu begrüßen, machte er nicht. Also lief ich zurück und begann mit der Veranstaltung, denn mittlerweile war es 10.15 Uhr. Als man schließlich eintraf, wechselte die Gesichtsfarbe des Gebietsleiters von normal über weiß auf rot: Ich hatte es gewagt, nicht auf ihn zu warten.

„Das macht der immer so“, raunte mir in der Mittagspause ein Mitglied des Planungsteams der Veranstaltung zu. Ich war soeben gerüffelt worden, dass ich nicht gewartet hatte. Mein Hinweis, dass fast 100 Menschen wunschgemäß pünktlich um 10.00 versammelt waren, beeindruckte den Gebietsleiter in keiner Weise: Wir hätten vereinbart, dass er die ersten Worte spräche, und das habe ich nicht eingehalten. Man kann sich vorstellen, dass ich seitdem keine Veranstaltungen für den Mann moderiere. Bemerkenswert fand ich jedoch, was mir einige Zeit später von einem seiner Mitarbeiter berichtet wurde. Der Gebietsleiter, nach wie in Amt und Würden, hatte seitdem keine Veranstaltung, keine Besprechung und kein Einzelgespräch mehr verspätet begonnen.

„Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher“

George Orwell’s Farm der Tiere lässt grüßen: Ein Hierarch benimmt sich daneben und kriegt es nicht mal mit. Einzelfall? Von wegen: Ich bin sicher, dass die allermeisten von Ihnen nicht nur einmal vergleichbare Momente erlebt haben. Warum aber kann es überhaupt zu einem solchen Verhalten kommen, dass eher eines Sonnenkönigs würdig ist denn eines (nach eigener Beschreibung:) „zahlengetriebenen Pragmatikers“? Das ist nicht leicht zu beantworten. Aus psychologischer Sicht finden sich interessante diagnostische Ansätze, die gerade den in der Hierarchie einer Organisation weit oben Angekommenen eine relevante narzistische Störung attestieren. Der Befund leuchtet ein und dürfte auch im oben berichteten Erlebnis eine Rolle gespielt haben.

Die gute Nachricht ist: Derlei Auswüchse sind nicht zwangsläufig mit Hierarchie und ungleich verteilter Macht verknüpft. Es gibt zahlreiche Beispiele für Hierarchen, die ihre Rolle sehr zurückgenommen, achtsam, verantwortungsbewusst und vollkommen frei von Allüren oder Selbstinszenierung wahrnehmen. Auch das dürfte eine Erfahrung sein, die ich nicht exklusiv habe. Wie bereits im ersten Teil dieses Beitrags dargelegt halte ich Hierarchie unter den Bedingungen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems für unhintergehbar. Schwierig wird es für mich (vermutlich nicht nur für mich) dann, wenn hierarchische Position als Ersatz von Sachargumenten oder gar als Legitimation für despotische Verhaltensweisen missbraucht wird.

Wie eigentlich immer in meinem Blog halte ich den Text bewusst vortheoretisch, um mich freier äußern zu können. Dennoch bedarf es einiger terminologischer Klärungen (auch zu beziehen auf den 1. Teil aus November 2016):

  • „Hierarchie“ verstehe ich als „institutionell fixierte, sozial akzeptierte Ungleichverteilung von Macht.“
  • „Hierarchie“ bedeutet stets „Führung“, ist aber nicht ohne weiteres dasselbe. Mir geht es in diesem (und dem vorausgegangenen) Blog-Post darum, die hierarchische Position in der je persönlichen Interpretation als Status-gesicherte soziale Tatsache mitsamt ihren Auswirkungen zu betrachten.
  • Implizite Hierarchien, die ebenfalls in Organisationen anzutreffen sind, stehen zunächst nicht im Mittelpunkt.

Das Pippi-Langstrumpf Syndrom und wie es sich aushalten lässt. Bzw.: Wie werde ich ein Hierarchie-Versteher?

Manchmal wie in dem eingangs berichteten Erlebnis fühle ich mich an Pippi Langstrumpf erinnert, die bekanntlich macht, was ihr gefällt. Nur dass es sich bei den Gebietsleitern, Geschäftsführern und Vorständen dieser Welt eigentlich nicht um unbeaufsichtigte Kinder handelt. Grundsätzlich sind für uns als Ohn-Mächtige die Möglichkeiten begrenzt, den Hierarchen ohne weiteres zu einer grundlegenden Veränderung seines Verhaltens zu bewegen. Aber wir sind nie nur Opfer. Mein durch keinerlei Studie gestützter Glaubenssatz lautet: Die zuweilen drastische Reduktion einer herausgehobenen hierarchischen Position auf den sozialen Status („ich darf hier einfach alles tun, auf das ich Lust habe“) kann nur gelingen, wenn die andere Seite mitspielt. Die andere Seite aber sind „wir“ alle.

Keineswegs will ich auf die unterkomplexe Idee hinaus, dass man „nur einfach mal was sagen“ müsse, damit der Hierarch zur Vernunft kommt. Vorschlagen möchte ich vielmehr eine Art innerer Sortierung, die sich an diesen Gedanken orientieren könnte:

  • Innerlich durchatmen und die Situation analysieren: Vermutlich bin ich gar nicht gemeint.
    • Wenn jemand seine Macht ausspielt, dann ist es zunächst hilfreich, sich klar darüber zu werden, um was es überhaupt geht und inwiefern ich überhaupt direkt und persönlich adressiert bin. Diese „Ent-Persönlichung“ hilft, um sich emotional zu befreien.
  • Auf die Sache reduzieren: Nahezu jede Tirade begann in einem sachlich-inhaltlichen Kontext.
    • Meistens ist das sozial auffällige Verhalten der Hierarchen eingebettet in inhaltliche Diskussionen. Hier können wir versuchen anzusetzen, indem wir über das Status-Verhalten einfach hinweggehen (so schwer das auch fallen mag) und so ruhig wie möglich auf die ursprüngliche Sache zurückkommen.
    • Ein selbst erlebtes Beispiel: Wurde die Diskussion um eine Maßnahmenplanung vom anwesenden Bereichsleiter soeben lautstark abgelehnt (fast gebrüllt: „Diesen Aufwand wird mein Bereich nicht treiben!“), so lässt man vielleicht einen kurzen Moment verstreichen, um einen sachlichen Beitrag einzubringen („Lassen Sie uns schauen, wie wir den notwendigen Aufwand möglichst reduzieren und angemessen verteilen können. Wäre es vielleicht eine Möglichkeit, wenn wir…“)
  • Der „Täter“ als „Opfer“: Nahezu jeder Mächtige blickt zu einem noch Mächtigeren auf.
    • Es wird häufig übersehen, dass selbst die Bewohner allerhöchster Ränge einer Hierarchie immer noch selbst jemanden „über sich“ haben. Ein Bereichsleiter „hängt“ unter dem Vorstand, der Vorstand „hängt“ unter dem Vorstandsvorsitzenden und der „hängt“ am Aufsichtsrat.
    • Insofern mag das sozial auffällige Verhalten eine Reaktion auf selbst erlittene Kränkungen sein.
  • Hierarchie als solche anerkennen: Prinzipiell erkennen, was da ist.
    • Wenn es uns gelingt, den (organisatorischen) Nutzen von Hierarchie zu erkennen, dann ist es nicht mehr weit, um den Hierarchen in seiner Position anzuerkennen. Nicht gemeint ist selbstverleugnendes Buckeln, gemeint ist vielmehr eine Würdigung des Anderen und dabei die eigene Souveränität zu behalten.
  • Es gibt einen Hierarchen, der alle(s) übertrumpft: der Kunde.
    • Am Ende „hängen“ alle am Kunden – und das ist und bleibt stets eine gute Referenz, wenn es in die Versachlichung geht. Wer es schafft, die inhaltliche Diskussion, mit der die Situation ursprünglich begann, argumentativ mit der Letztinstanz „Kunde“ zu verknüpfen und das auch noch auf ruhige Art hinkriegt, eröffnet allen Beteiligten die Chance auf konstruktiven Fortgang der Kommunikation.

Ich kündigte im vorausgegangenen ersten Blogpost zum Thema an, dass ich eine „andere Art von Hierarchiewahrnehmung“ vorstellen möchte. Genau darum geht es mir: um die Haltung, mit der wir Hierarchie wahrnehmen. Womit ich nicht behaupten will, dass ich selbst das jederzeit gut hinkriege.

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