Komplexitätsreduktion reduzieren_#55

von | 16/02/2017 | 4 Kommentare

Mein erster Kandidat für das Statement des Jahres – schon im Februar

Was bestimmt nicht nur ich großartig finde: unerwartet positiv überrascht zu werden. Ein Erlebnis dieser Art widerfuhr mir erst vor wenigen Tagen und darüber möchte ich berichten.

Ein Workshop-Vormittag Anfang Februar

Es galt die Assessments für das Jahr 2017 zu planen, wie immer im Rahmen eines Workshops mit allen bundesweit eingesetzten Assessoren. Zu diesem Workshop hatten wir den neuen Vorstand mit der Bitte um ein Statement eingeladen und der hatte sich unerwartet viel Zeit genommen. Rund 25 Workshop-Teilnehmer saßen im Raum, offen gestanden mit nicht allzu hohen Erwartungen. Wir hofften auf Klärungen zur neuen Strategie und auf erste Hinweise für die erwartete Restrukturierung. Gewürzt mit ein paar Artigkeiten wurden diese Erwartungen bedient. Aber das war nicht alles.

"Komplexität zu reduzieren ist kein Wert an sich“

Die Diskussion war mittlerweile beim Thema „Verbesserungen“ angelangt. Der Vorstand forderte, dass die Assessments nicht nur auf Optimierung von Details oder Formalia hinauslaufen sollten: Auch die großen, die grundlegenden Fragen seien zu stellen. Nur weil Prozesse und Strukturen seit Jahren existierten, seien sie nicht automatisch die bestmögliche Antwort, um den Anforderungen der Zukunft Stand zu halten. Zur Sprache kamen auch die zuweilen überkomplexen (internen) Prozessen und Strukturen. Dazu ist eigentlich immer und überall zu vernehmen, dass Komplexität dringend abgebaut gehöre. Doch dieser Chef äußerte eine abweichende Position. In ziemlich wörtlicher Wiedergabe (aber dennoch leicht modifiziert, um die Anonymität zu wahren):

„Die Reduktion von Komplexität ist kein Wert an sich. Komplexität ist gerade dort notwendig, wo wir den Kunden einen echten Mehrwert bieten. Produktvielfalt als Ergebnis unserer Prozesse lässt sich nur erreichen, wenn wir hinreichend komplex aufgestellt sind. Das ändert nichts daran, dass es für unsere Kunden einfach bleiben muss. Doch diese Einfachheit macht Komplexität hinter den Kulissen geradezu notwendig.“

Dieses Statement beeindruckte mich aus 3 Gründen.

  1. Gegen den Mainstream

    Ich fand es sehr erfrischend, dass da jemand den üblichen Komplexität-ist-Teufelszeug-Schnack nicht mitmacht. Üblich ist es nämlich, im Durchblickersprech zu Protokoll zu geben, dass Komplexität dringend reduziert gehöre. Meistbemühter Kronzeuge für das längst zum unhinterfragten Dogma gewordene Postulat ist der Discounter Aldi, dessen Erfolg auf konsequenter Vereinfachung beruhe.
    Da bin ich gar nicht so sicher, weder hinsichtlich der für selbstverständlich gehaltenen Komplexitätsreduktion noch hinsichtlich des zitierten Discounters. Zwar war ich für große Discounter bisher nur zu eher überschaubaren Fragestellungen im Rahmen kleiner Projekte tätig. Häufiger aber habe ich Unternehmen unterstützt, die die großen Discounter beliefern. Insofern reicht meine Erfahrung aus um zu wissen, dass zumindest die internen Logistikprozesse der vermeintlichen Kronzeugen a la Aldi ausgesprochen komplex sind – und einen nicht geringen Teil dieser Komplexität auf ihre Lieferanten verlagern. Komplexität verschwindet also nicht, sie findet an verschiedenen Stellen innerhalb und außerhalb der Organisation statt. Schon deswegen war es mir eine Freude, an diesem Februartag zur Abwechslung jemandem zuhören zu dürfen, der Komplexitätsreduktion nicht als uneingeschränkten Imperativ betrachtet.

  2. Denkfaulheit und Realitätsverlust

    Nicht nur einmal hatte ich in Auseinandersetzungen mit „Komplexitätsreduzierern“ den Eindruck, dass sich hinter der Ablehnung von Komplexität lediglich Theoriefeindlichkeit, manchmal gar Denkfaulheit verbergen. „Zu komplex“ heißt im Klartext: „Ich will (ich kann?) mich nicht darauf einlassen, die vielfältigen Strukturen, Verknüpfungen und Wechselwirkungen zu verstehen. Deshalb brauche ich eine vereinfachte Darstellung.“
    Ein menschlich nachvollziehbarer Wunsch. Doch durch vereinfachte Darstellung wird reale Komplexität nicht reduziert: Sie wird vernebelt. Risiken entstehen, wenn diese vereinfachte Modellwelt mit der (weiterhin komplexen) Wirklichkeit verwechselt wird, denn das produziert nicht selten gravierende Fehlentscheidungen. Wenn sich diese Haltung verselbständigt, ist Realitätsverlust die Folge. Sofort fällt mir das Beispiel eines hochrangigen Entscheiders ein, der, bekannt für seine Komplexitätsaversion, durch seine Stabstellen mit derart simplifizierten Darstellungen versorgt wird, dass er praktisch keinerlei Kenntnis von der realen Welt hat.

  3. Die andere Falle vermeiden

    Daraus folgt jedoch nicht, dass die Komplexitätsschraube wieder anzuziehen wäre. Gerade aus der Sicht des Kunden bedeutet es einen entscheidenden Marktvorteil, wenn der Zugang zu den angebotenen Dienstleistungen und Produkten „einfach“ und wenig komplex gestaltet ist. Man denke an Internetkäufe: Habe ich die Wahl, dann bevorzuge ich solche Anbieter und Portale, bei denen ich mit wenigen Klicks das gewünschte Produkt erwerben kann. Ob es dafür hinter den Kulissen einer erhöhten Komplexität bedarf, ist mir als Kunde herzlich egal. Insofern sollte die unvermeidbare organisationsinterne Komplexität nicht ohne weiteres dem Kunden zugemutet werden.

Was mich zurückführt zum Anfang: Welch großartiges Statement! Und eigentlich gar nicht mal besonders komplex…

4 Kommentare

  1. Christoph Scheele

    immer wieder ein Genuss… und ein willkommener Denkanstoß

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  2. Ralf Mehlan

    Sehr schöne Darstellung, Guido. Es kommt halt wie immer auf den Blickwinkel an, d.h. für wen ist Komplexitätsreduktion sinnvoll, erwartet oder sogar notwendig.

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  3. Dr. Guido Wolf

    Vielen Dank für das Feedback: Genau darauf läuft es hinaus. Eigentlich ist das keine allzu revolutionäre Erkenntnis, die wir gemeinsam haben, wie ich meine. Aber angesichts der vielerorts anzutreffenden undifferenzierten Position in Sachen Komplexitätsreduktion wird uns die Diskussion voraussichtlich erhalten bleiben.

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