Inkompetenzkompensationskompetenz /#26

von | 14/09/2014 | 0 Kommentare

Teil 2: Konstruktiv kompensieren

Es ist durchaus nicht ungewöhnlich, wenn man in einer Besprechung hinsichtlich der diskutierten Themen mindestens teilweise inkompetent ist. Niemand kann Experte für alles sein, schon gar nicht in Zeiten, in denen ständig neues Wissen generiert und blitzschnell verbreitet wird. Im ersten Teil meiner Auseinandersetzung mit üblichen Kompensationsmustern habe ich mich mit den Blendern befasst (Link > https://axon-blog.de/inkompetenzkompensationskompetenz-25/). Diese leider nicht selten auftretende Form ist jedoch glücklicherweise nicht die einzige Möglichkeit, mit eigener Inkompetenz umzugehen. Hier einige konstruktive Möglichkeiten für den Umgang mit eigener Inkompetenz.

1. Möglichkeit: Aufmerksam zuhören

So einfach kann die Welt sein: Wer nichts beizutragen hat, weil er nichts vom diskutierten Thema versteht, sollte sich zurückhalten. Das ist schon ein Gebot der Höflichkeit und des Respekts gegenüber jenen, die sich zum Thema kompetent auseinandersetzen können.

„Wenn man keine Ahnung hat: einfach mal Fresse halten.“

Dieter Nuhr, deutscher Kabarettist

Bedauerlicherweise herrscht in den Unternehmen gar nicht selten die Annahme vor, dass man sich zeigen müsse, um positiv bemerkt zu werden. „Sich zeigen“ wird übersetzt mit „Du musst etwas sagen!“ – und schon labern wieder jene mit, deren Hauptinteresse nicht in der Sache, sondern in der Selbstprofilierung liegt. Die einschlägige Leitfadenliteratur rund um Karriere und Selbstmarketing sorgt für zusätzlichen Druck. Resultat: Manage frei für zeitraubende Diskussionspirouetten, aufgeblasene Belanglosigkeiten und zur Weltformel erklärte Scheinerkenntnisse.

Vollkommen unterschätzt und viel zu selten gepflegt wird die Kompetenz, aufmerksam zuzuhören. Das darf keineswegs mit Nichtstun verwechselt werden: Konzentriert und aufmerksam zuzuhören ist eine herausfordernde Aktivität. Erst recht dann, wenn man sich im fraglichen Sachgebiet nicht auskennt. Betrachten Sie solche Situationen als ausgezeichnete Gelegenheit, um zu lernen. Sehr empfehlenswert ist es, sich Notizen zu machen. Durch das Festhalten von sich ergebenden Diskussionsschwerpunkten, Ihnen zunächst unbekannten Fachtermini und Verweisen auf relevante Quellen erhalten Sie schnell die Ansatzpunkte, die Ihnen zu vertiefter Recherche verhelfen.

2. Möglichkeit: Die eigene Inkompetenz anzeigen

In vielen Situationen ist es sinnvoll, frühzeitig mitzuteilen, dass man von dem diskutierten Thema nichts verstehe und deshalb (zunächst) nichts beitragen könne. Entgegen allfälligen Empfehlungen, derlei zurückzuhalten, weil man sich unnötig schwäche, ist es im Gegenteil ein Zeichen von Souveränität, die eigene Inkompetenz offensiv zu artikulieren.

„Ich weiß, dass ich nicht weiß.“

Sokrates *

Zugleich lässt sich dadurch vermeiden, dass Sie angesprochen und um einen Kommentar gebeten werden, weil Ihre Gesprächspartner höflich sein wollen. Hier wäre das Risiko zu groß, dass Sie fortan und eigentlich unverdient als „erwischter Blender“ gelten. Darüber hinaus helfen Sie dem inhaltlichen Klärungsprozess nicht weiter – aber das hatten wir ja schon. Meine Erfahrung ist, dass sich Ehrlichkeit durchsetzt. Zumal niemand erwartet, dass jeder zu allem in gleichem Ausmaß kompetent ist.

3. Möglichkeit: Fachliche Unbefangenheit als Ressource

Einen Schritt weiter geht, wer seine eigene Inkompetenz nicht nur frühzeitig mitteilt, sondern als Beitrag zur Ergebnisüberprüfung anbietet. Das könnte sich wie folgt anhören:

  • „Ich habe Ihnen jetzt eine längere Zeit zugehört, denn inhaltlich konnte ich bislang nichts beitragen. Mir scheint aber, dass sich mittlerweile eine Lösung der gestellten Frage/ unseres Problems abzeichnet. Wenn Sie möchten, übernehme ich nun die Rolle eines Außenstehenden/ eines Kunden/ eines advocatus diaboli, um diese Lösung zu überprüfen.“
  • “ (…) Als Kunde hätte ich diese Frage an das Produkt: …“

Gar nicht selten nämlich laufen Fachleute in die Expertenfalle.

„Die Arche Noah wurde von einem Amateur gebaut, die Titanic von Profis.“

Vermutlich von dem kanadischen Humoristen Richard J. Needham

Sie entwickeln eine Lösung, die für Spezialisten einleuchtend ist, dem außenstehenden Kunden aber (um nur ein Bespiel zu nennen) jedoch nicht zu vermitteln wäre. Gerade die geringe fachliche Expertise wird dann zu einem wertvollen Beitrag, mit dem Sie Ihre eigene Inkompetenz kompetent in den Dienst der Problemlösung stellen.

4. Möglichkeit: Transfer-Kompetenz

Manche Innovation, ob technisch oder nicht, ist durch die Übertragung eines Lösungsansatzes aus einem anderen Zusammenhang auf den aktuell zu lösenden Sachverhalt entstanden. Häufig zitierte Beispiele finden sich in der Bionik, die Innovationen aus Beobachtungen der Natur ableitet (z.B. den Lotus-Effekt bei Oberflächen, die Wasser abperlen lassen, abgeleitet von den Eigenschaften der Lotusblätter; oder die Gestaltung der Rotorblätter von Hubschraubern analog der Form von Libellenflügeln).

„Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel.“

Lukas Podolski **

Ähnlich könnte es sein, wenn Sie in einer Fachdiskussion auf eine Parallelität hinweisen, die Ihnen im Vergleich zu einem Ihnen vertrauten Themengebiet auffällt. Ihre Transfer-Kompetenz könnten Sie beispielsweise so einbringen:

  • „Vielleicht lässt sich ein Lösungsmuster aus einem ganz anderen Kontext übertragen, von dem ich berichten kann. Sind Sie damit einverstanden? Gut, vielen Dank. Also, mir ist soeben aufgefallen, dass Sie …“
  • „Das erinnert mich an folgenden Zusammenhang: …“

Dringend angeraten sei eine einleitende Frage dahingehend, ob ein Hinweis gewünscht sei, den Sie als aufmerksam zuhörender Laie geben möchten.

Das also sind 4 Möglichkeiten zur Kompensation von Inkompetenz, die ich der Strategie des Blendens gegenüberstelle. Wissen Sie weitere Möglichkeiten und haben persönliche Erfahrungen machen können? Ich freue mich auf Kommentare und Hinweise.

 

Hinweise

* Vgl. den interessanten Wikipedia-Eintrag zu “ich weiß, dass ich nichts weiß“, der die allermeistens anzutreffende Übersetzung „…dass ich nichts weiß“ unter Verweis auf die Originalquelle bei Platon in „ich weiß, dass ich nicht weiß“ korrigiert. Außerdem findet sich eine zusammenfassende Auseinandersetzung mit dem sokratischen Ansatz und seinem ideengeschichtlichen Hintergrund. Hier geht es zum Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Ich_wei%C3%9F,_dass_ich_nichts_wei%C3%9F(aufgerufen am 07.09.2014)

** Tja, zu schön, um wahr zu sein: Diese großartige Erkenntnis stammt eben doch nicht von Podolski selbst, sondern wurde ihm von dem Moderator und Komiker Jan Böhmermann im Rahmen seiner Podolski-Parodien in den Mund gelegt.

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