„Das sagt mir meine Intuition“: Alle Macht den Bäuchen?_#43

von | 14/02/2016 | 0 Kommentare

„Wir sollten diese Investition nicht tätigen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir damit einen Fehler begehen.“ Ende Gelände für jedwede Diskussion. Da war die zur Entscheidung stehende Investition wochenlang durchgerechnet worden, wurden Lieferanten um Berechnungen und Angebote gebeten, hatte man verschiedene Varianten aufbereitet – und dann das: Nach gerade mal 10 Minuten in der GF-Sitzung übernahm der Bauch des Sprechers der Geschäftsführung das Kommando. Die Antragsteller sahen sich unversehens aus der GF-Sitzung herauskomplimentiert und ärgerten sich maßlos. Doch in einem ehrlichen Moment musste man einräumen, dass es eine eindeutige Entscheidungssicherheit trotz aller Berechnungen tatsächlich nicht gab. Lag also der anerkannt erfahrene Geschäftsführer richtig, als er der Stimme seiner Intuition folgte?

Die Antwort lautet: Man weiß es nicht! Tatsächlich gibt es immer wieder Beispiele dafür, dass sich Entscheidungen gerade dann als besonders erfolgreich herausstellen, wenn sie eben nicht aufgrund von Zahlen, Daten und Fakten getroffen werden, sondern intuitiv, zuweilen sogar kontrafaktisch. Ab jetzt also nur noch auf den Bauch gehört?

Intuition – ganzheitliches Überwinden kleinteiliger Sichtweisen?

Eine Erfahrung wie die oben berichtete hat mancher nicht nur einmal machen dürfen. Zuweilen scheint es, als sei die eher aus den Betroffenheitsdiskussionen der 80er Jahre bekannte Opposition „Kopf oder Bauch?“ zugunsten des letzteren entschieden. Und zwar dort, wo man es nicht erwartet hätte: im Business. Sollen wir also einfach alle miteinander das Denken einstellen und uns der Magensäure überantworten? Ist Intuition die bessere Entscheidungsinstanz?

Eine „intuitive Entscheidung” basiert auf einer Art gesamthafter Haltung, die sich beim Entscheider einstellt, wenn er die aufgeworfene Frage betrachtet. Statt sich mit Details, den Argumenten für oder gegen eine Handlungsoption sowie den komplexen und komplizierten Hintergründen kleinteilig auseinanderzusetzen, lenkt der Entscheider seine Aufmerksamkeit auf die Gesamtheit seiner Gefühle, Gedanken, Sorgen und Wünsche. Und dann folgt er dieser Gesamtheit: Fühlt es sich positiv an, sagt er „Ja“, anderenfalls „Nein“.

Bauch statt Kopf, Emotion statt Ratio: Intuitive Entscheidungen sind sehr viel schneller getroffen, als es bei rationalen Entscheidungsprozessen der Fall sein kann. Kopfschüttelnd wird mancher fragen, wie es sein kann, dass anerkannt sachlich orientierte Entscheider plötzlich den Pfad der rational-diskursiven Tugend verlassen. Zahlen, Daten und Fakten werden suspendiert und der Bauch übernimmt – wieso? Ich frage mich das ebenfalls, insbesondere dann, wenn eine intuitiv getroffene Entscheidung nicht in meinem Sinne erfolgte (anderenfalls hält sich meine Kritik in Grenzen, wie ich einräumen muss). Was also hat es mit der Intuition auf sich?

Intuition und Kontext: Klärungsversuche

Über Intuition findet sich einiges an Literatur. Nicht wenige Veröffentlichungen berufen sich auf die für manche zur allzuständigen Letztinstanz aufgestiegene Gehirnforschung. Mit der Selbstgewissheit eigener Bedeutsamkeit ob der Kennerschaft von Neuro Science und Co. (die Narrative beginnen gern mit einem spontan nur schwer zu widerlegenden: „Studien haben festgestellt…“) wird auf Hirnareale und ihre schnelle bzw. langsame Arbeitsfähigkeit verwiesen, als sei damit irgendetwas kausal erklärt und nicht nur (bestenfalls) beschrieben. Gern ist von Belohnungshormonen die Rede, die den Körper überfluteten, sobald die Intuition zum Einsatz komme – ich bin äußerst skeptisch, wie Sie wohl bemerken. Zumal sich fragen ließe, ob die hormonelle Belohnungsflut nicht erst durch den Erfolg der intuitiv getroffenen Entscheidung ausgelöst wird. Erfolg oder Misserfolg einer Entscheidung stellt sich jedoch häufig erst längere Zeit nach dem Entscheidungsmoment heraus, was den mechanistisch gedachten Vorgang: „intuitiv gewesen > Hormone ausgeschüttet > Glück empfunden“ über eine längere Zeitstrecke ansetzen müsste. Auch hier habe ich erhebliche Zweifel. Doch ist die Auseinandersetzung mit der Gehirnforschung und dem, was bedauerlicherweise daraus gemacht wird, wahrhaftig kein Thema, das sich nebenbei erledigen ließe.

Interessanter als neuroszientistische Erklärungsversuche finde ich die Auseinandersetzung mit dem Kontext einer intuitiven Entscheidungssituation. Diese Auseinandersetzung will ich in aller Kürze anhand dieser Fragestellungen unternehmen:

  1. Der individuell-historische Kontext: Wenn die intuitive Entscheidung aus dem Bauch kommt – worauf basiert sie und wie kam sie in den Bauch? Durch die Speiseröhre? (sorry, aber den konnte ich mir nicht verkneifen)
  2. Der kommunikative Kontext: In welchen Kommunikationssituationen – und Entscheidungen innerhalb der Organisation passieren in Kommunikationssituationen – wird auf Intuition und Bauch umgeschaltet?

Zu 1.: Der individuell-historische Kontext

Keineswegs hat die intuitive Entscheidung eine rein emotionale Basis. Intuition beruht auf einem Sediment, das das Individuum (und keineswegs nur sein Gehirn) amalgamiert aus bewusst und unbewusst gewonnenen Erfahrungen, aus persönlich frei gewählten oder aufgezwungenen Glaubenssätzen, aus dem kulturellen Hintergrund, dem je individuell gewonnenen Resultat von Lern- und persönlichen Entwicklungsprozessen sowie vielleicht auch aus dem zum relevanten Moment gegebenen körperlichen Status (der womöglich auch mit den zuvor aufgenommenen Speisen zu tun hat – womit wir wieder bei der Speiseröhre wären). Und eben auch aus dem Konglomerat positiver, negativer und sonstiger Gefühle, die sich in der Situation beim Betrachten der zur Entscheidung stehenden Frage einstellen. All diese Zutaten sind sowohl rationaler als auch irrationaler Art, wobei „irrational“ keineswegs herabsetzend, sondern rein kategorial zu verstehen ist (i.S. von nicht-rational). Sie können durchaus widersprüchlich sein, werden aber durch das Individuum gleichsam homogenisiert. Spätestens mit der kommunikativen Präsentation des „Bauchgefühls“ (das also keineswegs nur ein Gefühl ist und auch nicht nur aus dem Bauch kommt) beginnt die Rationalisierung. Die kommunikativ zum Ausdruck gebrachte Botschaft: „Mein Bauch sagt nein“ ist nicht identisch mit der Intuition: Botschaft ist nicht gleich Bauch. Wir sollten also festhalten:

  • Intuition hat sowohl rationale als auch irrationale Anteile.
  • Wer von „reiner Intuition“ im Sinne „reiner Gefühle“ spricht, sollte zur Kenntnis nehmen, dass es so etwas nicht geben kann.
  • Spätestens dann wird Intuition zu etwas Rationalem, wenn sie zur Sprache gebracht wird.

Zu 2.: Der kommunikative Kontext

Wie aufgezeigt, werden intuitive Entscheidungen üblicherweise in Situationen getroffen, die kommunikativer Natur sind. Nicht selten handelt es sich um eine institutionalisierte Besprechung. Beispiele sind etwa das „GF-Meeting“, die Vorstandssitzung, der „Projektleitungs-Kreis“ usf. Die Entscheider sehen sich im Verlauf einer solchen Besprechung oftmals einer ganzen Reihe höchst unterschiedlicher Entscheidungsvorlagen ausgesetzt, die sie fachlich kaum beurteilen können. Selbst wenn sie wollten, wäre es ihnen nicht möglich, innerhalb weniger Minuten zu adäquaten Fachexperten zu werden. Denn in aller Regel ist jede einzelne der im Verlauf einer Besprechung zu treffenden Entscheidungen durch eine Komplexität gekennzeichnet, die seitens der Fachexperten drastisch reduziert werden muss, damit die zur Entscheidung stehende Frage klar hervortreten kann. Sehr viel lieber allerdings würden die Fachexperten die zur Entscheidung stehende Frage mit all ihren Hintergründen, Argumenten, Risiken und Chancen differenziert darlegen. Genau das ist aber aufgrund des organisatorisch-kommunikativen Kontextes, der auch noch zeitlich eng begrenzt ist (Besprechungen sind oftmals mit deutlich zu viel Inhalt beladen), unmöglich.

Allein aus dieser Perspektive zeigt sich, dass es zuweilen reiner Selbstschutz ist, wenn ein Entscheider die Auseinandersetzung mit den Zahlen, Daten und Fakten beenden will. Um nicht auch noch diese Entscheidung begründen zu müssen, wird auf Bauchgefühl umgeschaltet. Ob diese Umschalt-Entscheidung ihrerseits intuitiv-irrational getroffen wird, ist nur noch aus der Situation zu klären und vermutlich nur dem Akteur zugänglich. Es könnte sich auch um eine höchst rational getroffene Entscheidung handeln, die jedoch mit dem besagten Bauchgefühl rhetorisch getarnt wird, aber auf ganz anderen Erwägungen beruht. Motto: „Wir müssen das vom Tisch kriegen, weil wir noch eine sehr lange Agenda mit einigen anderen Entscheidungen abzuarbeiten haben“.

Ob also „Intuition“ als ein Mittel der Kampfrhetorik bemüht oder als alternative Methode der Entscheidungsfindung eingesetzt wird, markiert bereits einen wesentlichen Aspekt, wenn es um die Bewertung von Intuition als Quelle für Entscheidungen geht.

Rationalisierte Intuition: Der „Ich-will-intuitiv-entscheiden-TÜV“

Was ist von intuitiv getroffenen Entscheidungen zu halten? Aus meiner Sicht kann es durchaus sinnvoll sein, sich aus den Verstrickungen einer fachlich detaillierten Erörterung zu befreien und bewusst Intuition als alternative Entscheidungsgrundlage zu nutzen. Bevor die intuitive Entscheidung jedoch zur Wirkung kommt, sollte sie einer rationalisierenden Prüfung unterzogen werden. Hier einige Prüffragen, die Sie sich stellen sollten, wenn Sie im Begriff sind, eine Entscheidung intuitiv zu treffen, wobei ich zur Vereinfachung den Fokus auf intuitiv getroffene Negativentscheidungen lege:

  • Warum bevorzuge ich momentan eine intuitive Entscheidung?
    • Ist es die Uhrzeit und die Aussicht auf ein noch lang andauerndes Meeting?
    • Ist es die Person, die die Entscheidungsvorlage eingebracht hat?
    • Ist die zu treffende Entscheidung mit einer Interessenlage verbunden, die ich ablehne?
  • Was leitet meine Intuition?
    • Welche Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Sorgen und Wünsche sind prägend?
    • Welche Antipathien (bzw. Sympathien für Gegenpositionen) spielen eine Rolle?
  • Wohin führt die jetzt getroffene intuitive Entscheidung?
    • Welche Argumente und Einschätzungen habe ich verhindert?
    • Wie werden die Stakeholder meiner intuitiv getroffenen Entscheidung reagieren?
    • Sollte ich die Entscheidung zurückstellen und mir die Zeit für einen Einzeltermin nehmen, um den Sachverhalt nochmals detaillierter erläutern zu lassen?

Fast im Sinne von Karl Popper könnte man sagen, dass die eigene Intuition als Quelle für eine Hypothese genutzt wird, die durch eine rationale Überprüfung bestätigt oder widerlegt wird. Das klingt vermutlich ziemlich kompliziert und langwierig. In Wirklichkeit kann dieser Entscheidungs-TÜV sehr schnell ablaufen: Übung hilft. Wobei es weder schlimm noch unpassend wäre, in dem entsprechenden Meeting einen Moment der Stille einzurichten, damit jeder für sich eine Position finden kann, bevor es an die Entscheidung geht. Am Ende wäre vielleicht von „rationalisierter Intuition“ zu sprechen, was vermutlich nicht jeder mögen wird. Ich halte es jedoch für notwendig, die eigene Intuition als Ressource zu nutzen und sie gleichzeitig (selbst-) kritisch zu hinterfragen.

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