Chancen, Dornen und Probleme_#62

von | 15/09/2017 | 0 Kommentare

Eigentlich hatte ich den für Mitte September vorgesehenen Blogpost bereits fertig. Er sollte sich mit dem Phänomen „VUCA“ befassen, wird nun aber erst im nächsten Monat erscheinen. Denn ich habe mich spontan anders entschieden und poste nun diesen Text, weil genau gestern mir über die Medien der Ausspruch eines auch heute immer noch jungen Politikers begegnete, den dieser als Schüler vor genau 20 Jahren im zarten Alter von 18 äußerte.

Sie ahnen, welchen Satz ich meine und welcher Politiker die Aussage traf? Richtig, es ist Christian Lindner, Parteivorsitzender und aktueller Spitzenkandidat der FDP für die Bundestagswahl 2017.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Weder hier noch an irgendeiner anderen Stelle meines Blogs nehme ich eine politische Position ein. Das Risiko, dass ich mit diesem Post als Wahlhelfer für oder gegen Lindner wahrgenommen werde, ist mir durchaus bewusst. Ich gehe es deshalb ein, weil ich seinen Satz einfach bemerkenswert finde, unabhängig von meinen politischen Auffassungen oder jenen gegenüber der Person Lindners.

„Probleme sind nur dornige Chancen.“

Das also ist der Ausspruch, den im Jahr 1997 gemäß verschiedener Quellen (siehe z.B. hier) der damals 18jährige Schüler Christian Lindner äußerte. Gemeinsam mit einem Freund hatte er bereits in diesem jungen Alter begonnen, als Berater unternehmerisch tätig zu sein. Obwohl die Versuchung groß ist, die vielleicht etwas zu frühreif-altkluge Selbstpositionierung eines jungen Mannes ironisch zu kommentieren (was ich en passant nun doch ein wenig getan habe), möchte ich davon absehen und mich auf die Aussage selbst konzentrieren. Denn sie weist auf zweierlei hin:

  1. Problematisierung kann lähmen.
    Wer ausschließlich Probleme sieht, hat sie vermutlich vorher gesucht. Dabei sei keineswegs in Abrede gestellt, dass es Probleme gibt. Nur: Probleme müssen nicht notwendigerweise problematisch sein.
    Erlaubt sei ein kurzer Ausflug in die etymologischen sowie konzeptionellen Wurzeln der Problemtheorie: „Problem“ leitet sich vom altgriechischen „problema“ ab, was ursprünglich das „Vorgelegte; die gestellte (wissenschaftliche) Aufgabe, die Streitfrage“ bedeutete (Duden 1963, S. 531). In der philosophischen Tradition findet sich eine Reihe von Erörterungen, die „Probleme“ als besondere Art von Fragen auffassen (z.B. versteht Aristoteles Probleme als theoretische oder praktische Fragen, über die keine einhellige Meinung besteht). Somit zeigt schon der begriffliche Ursprung an, dass Probleme durchaus Komplexität und Konflikt bedeuten, aber nicht notwendigerweise mit dem Nachhall der Unlösbarkeit verbunden sind, der heutzutage allzu oft bei der Benennung eines Sachverhalts oder einer Situation als „Problem“ mitschwingt. Der junge Christian Lindner dürfte genau das gemeint haben (dazu befragen konnte und wollte ich ihn nicht).
  2. Ein Perspektivwechsel hilft.
    Jede Bewertungskategorie – und „Problem“ darf als eine solche gelten – bedeutet eine Engführung für das weitere Handeln. Natürlich müssen wir kategorisieren, weil wir anderenfalls entscheidungs- und handlungsunfähig blieben. Aber ein Sachverhalt bzw. eine Situation, die wir zunächst als problematisch auffassen, muss nicht notwendig auf diese Weise kategorisiert werden. Es mag andere Perspektiven geben, die gerade nicht das Problematische, sondern die Chancen sehen. Aus diesem Perspektivwechsel folgen zumeist andere Handlungsoptionen – was durchaus hilfreich sein kann.

Diese beiden Deutungen lese ich in die Aussage des 18jährigen Christian Lindner hinein. Natürlich ist nicht gesichert, dass der Jungunternehmer vergangener Tage seinen Satz genauso gemeint hat und ebenfalls offen ist, ob es überhaupt sein eigener Satz ist. Denn schließlich könnte er den Satz auch übernommen haben, ohne seine Quelle zu nennen. Das alles ändert nichts an dem hilfreichen Impuls, den diese Aussage bereithält – und Lindner in die Nähe eines noch nicht sehr alten und sehr fruchtbaren Beratungsansatzes rückt.

Die andere Sicht finden

Sicherlich ist nicht nur mir bekannt, dass es ein großes Repertoire an paradoxen Interventionen gibt, die gerade im Rahmen von sogenannten „systemischen“ Beratungsansätzen eingesetzt werden. Das übliche Beratungsmodell, dass auf der selbstverständlichen Annahme beruht, dass der Externe über ein Expertenwissen verfügt, dass lediglich eingesetzt werden muss, um das „Problem“ zu lösen. Heutzutage bevorzugt man den Term „Herausforderung“, was bis zur Negation der Existenz eines Problems gehen kann: „Wir haben keine Probleme, wir haben Herausforderungen.“ Dieser Haltung mangelt es an Respekt für jene, die eine Situation eben doch als Problem ansehen, etwa weil sie existentiell betroffen sind, was sie wiederum von den Führungskräften und erst recht den Beratern unterscheidet. Lindner lässt das das Problem übrigens nicht einfach hinter einem anderen Ausdruck verschwinden („Probleme“ = „Herausforderungen“), sondern schlägt eine Umdeutung vor.

In aller Regel beziehen sich die Lösungen aus dem tradierten Beratungskonzept nur auf die Aspekte, die als problematisch (bzw. „herausfordernd“) wahrgenommen wurden. Dagegen versuchen systemische Ansätze, eine ganzheitliche Sicht auf die Organisation einzunehmen, die als „System“ aufgefasst wird. Denn Ursachen für änderungswürdige Zustände können in anderen Kontexten existieren, als es ihre Auswirkungen vermuten lassen. Bereits hier deuten sich die systemtheoretischen Wurzeln dieses Beratungsverständnisses an. Eine angemessene Auseinandersetzung mit diesen Ansätzen würde an dieser Stelle zu weit führen. Hervorgehoben sei immerhin, dass es gerade mithilfe von bestimmten Fragetechniken darum geht, die Organisation zu alternativen Haltungen und Beschreibungen ihrer selbst zu veranlassen. Und das geht deutlich über die Rede vom halbvollen vs. halbleeren Glas hinaus.

Es wäre unzutreffend, allein aufgrund der sprachlichen Oberflächen, durch die jene (paradoxen) Fragen transportiert werden, die systemischen Berater in die Nähe der rhetorischen Manöver der Sophisten zu rücken. Den Sophisten ging (und geht) es üblicherweise gerade nicht um Aufklärung und Lösung geht, sondern eher um Chaotisierung (man sehe mir die sehr grobe und wenig differenzierte Vereinfachung sophistischer Haltung nach, die weder den Sophisten noch ihren Gegnern gerecht wird, aber hier ist wahrhaftig nicht der Ort für eine weitere Runde in der ewigen Schlacht um Sophistik). Anliegen der systemischen Beratungsansätze ist es üblicherweise, die Kommunikationspartner durch Sprachspiele zu veranlassen, ihre möglicherweise erstarrten und kaum noch bewusst eingesetzten Wahrnehmungs-, Deutungs- und Bewertungsmustern zu überprüfen. Darin liegt der Lösungsimpuls. Und just in dieselbe Richtung zielt der Ausspruch des jungen Christian L., wobei ich erneut eingestehen muss, dass mir nicht bekannt ist, ob Lindner damals bereits Kenntnis über systemische Ansätze oder auch paradoxe Interventionen hatte (ich vermute es nicht). Rasch noch ein Literaturhinweis: Wer sich näher mit systemischem Denken befassen möchte, wird in dem jüngst erschienenen, sehr zugänglich geschriebenen Buch von Torsten Groth fündig (Torsten Groth <2017>: 66 Gebote systemischen Denkens und Handelns in Management und Beratung, Heidelberg: Carl-Auer-Verlag).

Sogar im Wahlkampf lässt sich lernen

Ohne die journalistische Recherche, die wiederum nur durch den zugespitzten Wahlkampf wenige Tage vor der Bundestagswahl motiviert sein dürfte, hätte die Welt und damit auch ich nicht von diesem erstaunlichen Ausspruch erfahren: Ich sage danke. Und bin immer noch verblüfft, dass ein so junger Mensch etwas derart Kluges sagen kann.

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