App in die Zukunft. Ein Besuch im Silicon Valley /#22

von | 15/05/2014 | 2 Kommentare

Es waren eigentlich nur 36 Stunden. Aber die waren äußerst inspirierend: Ich hatte beruflich im Silicon Valley zu tun. Aus erster Hand erfuhr ich einiges von dem, was das Silicon Valley in Kalifornien zu einem Ausnahmeort der Innovation macht. Darüber möchte ich berichten.

Wie kommt es zu Innovationen?

Wie immer interessierte mich, wie Innovation und Kreativität gefördert und zur Wirkung geführt werden können. Die Erkenntnis, dass es längst nicht immer der geniale Moment eines Ausnahme-Kreativen ist, der eine bahnbrechende Innovation auslöst, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Ich habe mich bereits an anderer Stelle in diesem Blog dazu geäußert, wie Innovation und Kreativität gefördert werden können („Leben retten durch Zoobesuch /#15 > https://axon-blog.de/leben-retten-durch-zoobesuch/ hier lang zum Post). Gerade ein bewusst vorgenommener Kontextwechsel kann zu Assoziationen und Gedankenketten führen, die völlig neue Möglichkeiten entdecken lassen. Analogien zur Natur, zu technischen Geräten in ganz anderen Zusammenhängen oder die Auseinandersetzung mit Lösungen für komplexe Aufgaben, die in vollkommen anderen Zusammenhängen erfolgreich funktionieren, erlauben einen äußerst fruchtbaren Gedankentransfer.

Ein Beispiel: Die Frage „Was haben Schokoriegel mit Autorennen zu tun?“ erscheint zunächst als ziemlich absurd. Was aber, wenn es um den Prozess zur Umrüstung von Maschinen auf andere Herstellprozesse geht? Wenn also auf denselben Maschinen andere Produkte hergestellt werden, wie es beim Chargenwechsel in vielen Fabriken ständig vorkommt? Dann ist der Vergleich zu einem Formel-1-Rennen, in dem die Reifen während des Boxenstopps innerhalb weniger Sekunden gewechselt werden, gar nicht mehr abwegig. „Wie schaffen die das innerhalb einer so kurzen Zeit?“ lautet dann die Frage, die einen neuen Lösungsraum öffnet.

  • In diesem Fall: Sie schaffen es, weil die betreffenden Komponenten vollständig standardisiert sind, weil jeder weiß, was er zu tun hat, weil alle Teile und Werkzeuge am Platz sind, bevor es losgeht und weil die Mannschaft perfekt trainiert und aufeinander eingestellt ist.

Unternehmen mit Interesse an innovativen Lösungen für die Märkte von heute und morgen sollten deshalb ihren Mitarbeitern erlauben, selbstbestimmt und ohne unmittelbaren Verwertungszwang gerade nicht alltägliche Erfahrungen zu machen, neugierig in andere Branchen und Professionen zu schauen oder vollkommen ungewohnte Kontexte aufzusuchen. „Out oft he box“ hat sich als Formel für diese Perspektive eingebürgert.

Innovationen müssen eine Chance bekommen

Es ist jedoch nicht damit getan, eine Innovation zu generieren: Sie muss auch zur Wirkung gebracht werden. Und da ist gerade in Deutschland einiges Potential vorhanden, wie ich in Kalifornien gelernt habe. Dort hat sich ein Innovationsklima etablieren können, das alle Bereiche des Lebens erfasst und weit über das Unternehmen, erst recht aber über die individuelle Kreativität hinausgeht. Einige der Merkmale, die mich besonders beeindruckt haben:

  • Pionier-Mentalität
    Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass es in den USA eine Grundhaltung gibt, die sich vermutlich aus der Historie ableiten lässt: Eher an Chancen als an Risiken orientiert, eher zuversichtlich als bedenkentragend. In einem solchen gesellschaftlichen Klima werden eher Stärken gefördert. Neid, Missgunst und Häme, wenn es nicht klappt, sind deutlich geringer ausgeprägt als in unserer Gesellschaft.
  • Diversität der Menschen in der Region
    Unterschiede, die einen Unterschied machen: Das trifft auch auf die Region des Silicon Valley zu. In einem einzigartigen Mix leben miteinander und begegnen sich permanent: Wissenschaftler und Hippies; Geschäftsleute und junge Studierende; Kulturschaffende und Start-up-Gründer; usf. Und das über viele Herkunftskulturen hinweg in einer entspannten Atmosphäre voller Toleranz und gegenseitigem Respekt. Zugegeben: Die ausgesprochen angenehmen Wetterbedingungen sind dabei nicht eben nachteilig.
  • Leichter Zugang zu Startkapital
    Wer jemals versucht hat, in Deutschland einen Startkredit für ein neues Unternehmen bei einer Bank zu bekommen, reibt sich die Augen. Auch im Silicon Valley wird das Geld nicht hinterhergeworfen. Wem es aber gelingt, seine Idee überzeugend zu vermitteln, erhält sehr viel leichter Zugang zu Kapital als in vielen anderen Teilen der Welt. Was mich beinahe fassungslos machte war diese Information: Wer mit seiner ersten Idee erfolglos war und insolvent wurde, kann sofort wieder neu gründen und erhält oftmals einen Kredit zu besseren Konditionen als beim ersten Versuch. Grund: Die Fehler, die beim ersten Antritt begangen wurden, wird der Kandidat schon nicht mehr machen. Die Erfolgschancen stehen also besser.
  • Vernetzung zwischen Universität, Wirtschaft, Politik und Kulturbetrieb
    Die Einflüsse der Stanford University und ihrer einzigartigen Impulse können gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das berühmte und mittlerweile fast schon abgenudelte Beispiel des nicht-Stanford-Studenten Steve Jobs ist kein Gegenargument, denn Jobs konnte mindestens indirekt aufgrund seiner Kooperation mit Stanford-Absolventen von der Universität profitieren. Eine Wirtschaftspolitik, die es Gründern den Start eines neuen Unternehmens so leicht wie irgend möglich macht, stellt eine zusätzliche Rahmenbedingung bereit.

Wohlbemerkt: Ich spreche über persönliche Eindrücke aufgrund von Berichten und einigen persönlichen Begegnungen. Fraglos gibt es eine ganze Menge mehr zu sagen über das Silicon Valley – und nicht nur Positives. Aber ich wage es und möchte schon aus diesen ersten Eindrücken einige Hinweise für Unternehmen in good old Germany ableiten.

Was ein Unternehmen tun kann

Meine zentrale Erkenntnis ist: Ein Unternehmen, das an einem innovationsfördernden Klima interessiert ist, darf sich nicht nur auf die eigene Organisation konzentrieren. Das innovative Klima findet auch außerhalb der Fabrikmauern statt – vielleicht sogar gerade dort (Kontextwechsel). Was ein Unternehmen beispielsweise tun kann:

  • Kultur rund um den und im eigenen Standort fördern
    Es ist eigentlich gar nicht originell, weil es viele alteingesessene Unternehmen bereits seit Jahren und Jahrzehnten praktizieren: Kultur vor Ort zu fördern ist im Grunde Teil des Innovationsmanagements. Bieten Sie einen Poetry-Slam in der Werkshalle oder einen Graffiti-Kurs an der eigenen Fabrikmauer an; öffnen Sie die Tür für einen Trommel-Workshop oder lassen Sie einen Karneval der Kulturen im Foyer stattfinden; initiieren Sie Veranstaltungen, die sich mit heiß diskutierten, gesellschaftlich interessanten Themen auseinandersetzen. Kurz: Werden Sie initiativ, wenn Sie mehr Innovation wollen.
  • Die eigene Bedeutung als lokaler Wirtschaftsfaktor nutzen
    Unternehmen, die sich lokal engagieren, indem sie aktiv in Gründerforen mitwirken, gewinnen Zugang zu innovativen Impulsen. Das lässt sich noch verstärken, wenn durch direkte oder indirekte finanzielle Förderung Kapital oder auch Infrastruktur bereitgestellt wird. Auf die Bereitstellung von Kapital durch Investoren lässt sich positiv einwirken, indem beispielsweise über die eigene Mitwirkung in Prüfkommissionen oder Bewilligungsausschüssen ein mutiges Förderklima unterstützt wird.
  • Die Welt einladen
    Was spricht dagegen, Schulklassen oder Universitätskurse zu Perspektiv-Workshops einzuladen? Man frage eine bunt gemischte Gruppe nach ihren Assoziationen zur eigenen Marke, zu den eigenen Produkten – und erhält Ergebnisse, die einer teuren Marktforschungsstudie kaum nachstehen.

Das sind nur allererste Anregungen. Ich bin sicher, dass schon die eigenen Mitarbeiter eine ganze Reihe interessanter Ideen beisteuern können. Womit sich sofort weiteres Potential erschießt: Wie oft habe ich erlebt, dass die Unternehmen gar nicht wissen, welche Talente ihre Mitarbeiter einbringen können.

Also: Türen auf, raus in die Welt – und frischen Wind rein in die Organisation. Wer Beispiele für ein wahrhaft inspirierendes Umfeld kennenlernen will, begebe sich nach Kalifornien.

2 Kommentare

  1. Antje

    raus aus dem haus, vernetzen, staunen, was andere so machen …. finde ich auch und schubs die studies regelmäßig vor die tür …
    anregender artikel
    grüße aus’m pott
    Antje

    Antworten

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